• Susanne Heinen

Das Elfchen: Schreiben gegen die Sprachlosigkeit



Die Arbeit und das Beschäftigen mit Sprache ist eine meiner liebsten Methoden im artCounseling, um mit Klienten in einen Dialog zu kommen. Geschriebene Worte haben z.B. eine ganz andere Gewichtung für einen Selbst, um Gedanken zu verinnerlichen und Gefühle zu veranschaulichen. Besonders geeignet ist dafür das Elfchen, das ich in diesem Beitrag vorstellen möchte.


Durch Wortspiele die Gedanken fließen lassen


Manchmal fehlen einfach die Worte oder es fehlt die Kraft und der Mut die Worte auszusprechen. Der Hals schnürt sich zu, glasklar sind die Gedanken im Kopf, nur heraus wollen sie nicht. Die eigene Sprachlosigkeit und auch die Angst vor dem Klang der eigenen Stimme, die diese Gedanken ausspricht, wird übermächtig. Was kann man dann tun, um den Knoten zu lösen, damit der Gedankenfluss seinen Weg nehmen kann und nicht den Kopf voller und voller werden lässt?

Wenn Worte fehlen, um das Innere auszudrücken, fällt es oft leichter, sich mit einer Vorgabe auseinanderzusetzen, wie man etwas schreibt, um es dann mit eigenen Gedanken zu füllen. Das rationale Herangehen an den Aufbau, wenn sich die Gedanken zuerst um das „Wie“ drehen, nimmt oftmals die Hemmung, gleich ungefiltert Gefühle niederzuschreiben oder gar auszusprechen.



Der Aufbau eines Elfchens


Wie sieht es aus, das Elfchen, wenn man es völlig emotionslos als Schema erklärt? Es gibt eine klare Anleitung, von der man natürlich auch abweichen darf. Vielleicht nicht der Schule, wenn es um ein benotetes Elfchen geht:-). Zum Glück sind wir hier aber nicht in der Schule und es geht nicht um gut oder richtig. Der eigene Ausdruck steht im Vordergrund. Die Worte purzeln heraus, vielleicht erst auf ein Schmierpapier und aus den Gedankenfetzen, Wortbausteinen entsteht schließlich dein Elfchen.


Ein Überblick über den schematischen Aufbau:


Das Elfchen besteht aus 11 Wörtern, die auf 5 Verszeilen verteilt sind. Dabei gibt es keinerlei Vorgaben, was Reimschema oder Versmaß angeht.


  1. Zeile: 1 Wort, z.B. Gedanke, Geruch, Farbe, Geräusch, Gegenstand, Stimmung, Thema, ...

  2. Zeile: 2 Wörter, die sich auf das Wort in Zeile 1 beziehen. Was macht das Wort aus Zeile 1?

  3. Zeile: 3 Wörter, die Zeile 1 hinterfragen. Wo, wie, was ist das Wort aus Zeile 1?

  4. Zeile: 4 Wörter, eigene Gedanken. Was denkst du zu Zeile 1?

  5. Zeile: 1 Wort, das Fazit des Elfchens. Was ist der Sinn, was kommt heraus?


Da das Elfchen in Zeile 1 aus einem Wort besteht, wird meist auf eine Überschrift verzichtet. Manchmal ist es aber gerade wichtig am Ende noch diese besondere Überschrift zu schreiben, um seine Gefühle abzurunden. Deswegen, fühle dich frei.

Weitere Informationen findest Du hier bei wikipedia.



Das Elfchen als Sprachrohr im artCounseling


Wenn du nun weißt, wie der Aufbau eines Elfchens ist, kannst du beginnen. Vielleicht kommt schon von alleine das erste Worte in deinen Kopf, um das sich alles dreht. Vielleicht schreibst du einfach völlig ungeordnet Worte, Stichworte auf, ähnlich einem Brainstorming.


Falls dir das schwerfällt, hilft es oft mit Zeitungen, Magazinen zu arbeiten. Schneide Worte, Buchstaben, Sätze aus, die dich in diesem Moment ansprechen. Lege sie dir zurecht, ordne sie an, die Botschaft kommt ganz von alleine. Du musst nicht zwingend schreiben, eigene Worte finden. Du kannst auch Worte zu dir finden lassen, diese für dich neu zusammenfügen, sie aufkleben, ihnen deinen eigenen Sinn geben.


Ziel ist das Verbalisieren von Gefühlen und für dich selbst einen Umgang mit diesen Gefühlen zu schaffen, ohne zuerst das gesprochene Wort zu finden. Durch diese Annäherung wird es plötzlich leicht, dein Elfchen liegt vor dir. Es gibt ein Thema und ein Fazit.


Jetzt kannst du vielleicht den Mut zur Sprache finden und dein Elfchen laut vorlesen. Anschließend ist vielleicht der Weg schon freier und der eigenen Sprachlosigkeit wurde ein bisschen der Schrecken genommen.



Meine Begegnung mit dem Elfchen


Mein erstes Elfchen habe ich erst spät in meinem Leben geschrieben, nämlich vor gut 2 Jahren in einem Fachmodul zum Thema „Identität“. Mittlerweile weiß ich, dass das Elfchen teilweise schon in der Grundschule auf dem Lehrplan steht:-). Wahrscheinlich liegt es an meinem Alter, dass ich das nicht miterlebt habe. Wie ich herausgefunden habe, ist das Elfchen noch relativ jung und zuerst in den 80er Jahren in der Amsterdamer Schreibwerkstatt Taaldrukwerkplaats entstanden. Von den Niederlanden trat das Elfchen dann die Reise nach Deutschland an. Im Jahr 1988 stellte es Jos van Hest im Rahmen einer Tagung zum kreativen Schreiben an der Technischen Hochschule in Aachen den Teilnehmern vor und seitdem hat es auch bei uns viele Liebhaber gefunden.

Zum Abschluß hier noch mein erstes Elfchen, das ich damals in meinem Fachmodul geschrieben habe. Es war eine Verbindung vom Schreiben einer eigenen Geschichte, von dem Moment, als Eva im Paradies den Apfel angeboten bekam, einem Resonanzbild dazu und einem Elfchen als Fazit.

Unendliche Sehnsucht

Freude

am Lebensweg

Sehnsucht an Bord

Vertrauen ins eigene Geschick

Glück


Susanne Heinen


Falls dir spontan nach einem Elfchen ist, freue ich mich auf einen kreativen Austausch in den Kommentaren.

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