Farbkreisreise 2026: Himmelsscheiben – Kosmologie der Farben
- Susanne Heinen

- vor 1 Tag
- 6 Min. Lesezeit

Der Blick in den Himmel, vor allem in den Nachthimmel mit seinen Sternen, hat mich schon als Kind fasziniert. Das Weltall, seine Planeten und die Mythologie der Sternzeichen waren Dinge, die ich schon im Grundschulalter absolut spannend fand. Ich bin zu einer Zeit aufgewachsen, als Filme und Serien, die den Menschen der Zukunft mit Raumschiffen durch Galaxien reisend zeigten, gerade einen Boom erlebten. Wer zur Generation der 1970er und 1980er Jahre gehört, erinnert sich vielleicht noch an Star Trek, Kampfstern Galactica, Star Wars oder Captain Future, den Helden meiner Kindheit.
Astronomie und Astrologie gehören für mich zu den ältesten Versuchen, den Himmel zu deuten. Ich sehe in ihnen bis heute den Ausdruck eines urmenschlichen Bedürfnisses: der Auseinandersetzung mit dem eigenen Sein, der Suche nach Sinn und der Frage nach dem Woher und Wohin. Es sind Fragen, die auch die Philosophie seit jeher beschäftigen.
Genau das bildet den inneren Kern meines Jahresprojekts 2026: die Kindheitsfaszination, der Blick nach oben, die Sehnsucht nach Orientierung im Unendlichen. All das fließt zusammen in einer Kreisform, durchzogen von Sternen und Achsen. So entsteht eine Ordnung im Raum, eine kleine Kosmologie der Sinne: meine Himmelsscheiben.
Inspiriert wurde ich von der archäologischen Himmelsscheibe von Nebra, die vor fast 3600 Jahren entstanden ist. Meine Bildsprache ist jedoch eine vollkommen andere, zeitgenössische, die ich mit einem abstrakten Ordnungsmodell sowohl analog als auch digital umsetze. Mich berührt die Vorstellung, dass Menschen schon damals den Blick nach oben gerichtet und versucht haben, dem Himmel eine Form zu geben. Diese Demut vor dem Kosmos trägt mein gesamtes Projekt, denn wir blicken im Jahr 2026 noch immer in denselben Himmel.
Die Himmelsscheiben sind eine fortlaufende Serie, in der jede Monatsfarbe der Farbkreisreise® eine eigene Scheibe bekommt. Gemeinsam wachsen sie zu einem Jahresarchiv, das sich Monat für Monat entfaltet.
Inhaltsverzeichnis
Inspiration: Ein Fund aus der Bronzezeit
Die Himmelsscheibe von Nebra ist eines der frühesten Zeugnisse menschlicher Himmelsbeobachtung: ein Kreis aus Bronze mit goldenen Symbolen für Sonne, Mond und Sterne. Für mich ist es kaum fassbar, dass Menschen schon vor fast 3600 Jahren diesen Blick zum Himmel in eine sichtbare Form übersetzt haben. Ihre Entdeckung im Jahr 1999 habe ich damals nur am Rande wahrgenommen, und trotzdem ist sie mir im Gedächtnis geblieben.
In meinem Projekt geht es mir um die Verbindung einfacher Symbolik mit Farbe und um das, was dieser Blick nach oben über Zeiten hinweg bedeutet. Meine Himmelsscheiben übersetzen eine kosmische Idee vom Universum in eine eigene, gegenwärtige Formensprache.
Der Ausgangspunkt war das Staunen, und genau dieses Staunen ist es, was mich zu meinem eigenen Projekt geführt hat. Wenn ich an meinen Himmelsscheiben arbeite, denke ich manchmal genau daran: an das Staunen und die Offenheit für das Unbekannte, die wir im technologischen Fortschritt vielleicht mehr und mehr bewahren müssen.
Im Zuge meiner Recherche zu Sternenstaub, dem Ursprung der Atomtheorie und dem Blick nach oben zu den Sternen bin ich auf frühzeitliche Darstellungen und Vorstellungen von Erde und Weltall gestoßen. Es sind Themen, die mich schon länger begleiten und denen ich in meinem Artikel „Das Atom in Philosophie und Kunst: Vom Sternenstaub zum inneren Kern“ bereits nachgegangen bin.
Da es keine gemeinfreien Abbildungen der Himmelsscheibe von Nebra gibt, habe ich hier bewusst auf eine Reproduktion verzichtet. Wer sie sehen möchte, findet sie auf Wikipedia oder auf der Website der Arche Nebra, dem Museum vor Ort in Sachsen-Anhalt.
💡 Die Himmelsscheibe von Nebra
Die Himmelsscheibe von Nebra entstand um 1600 v. Chr. in Mitteleuropa. Zu dieser Zeit lebten in der Region die Menschen der Aunjetitzer Kultur, eine Bronzezeit-Gesellschaft mit bemerkenswertem Wissen über Metallverarbeitung, Handwerk und astronomische Zusammenhänge. Sie waren keine Gelehrten im modernen Sinn, aber ihr Alltag und ihre Rituale zeugen von einer tiefen Beobachtungsgabe und einem ausgeprägten Sinn für Ordnung. Die Scheibe wurde 1999 bei einer illegalen Raubgrabung am Mittelberg bei Nebra (Bundesland Sachsen-Anhalt) entdeckt und erst 2002 durch eine spektakuläre Polizeiaktion in Basel sichergestellt.
Kreisform, Symbolik und Ordnung
Der Kreis ist eine der ältesten geometrischen Formen, die Menschen verwendet haben, um dem Himmel eine Gestalt zu geben. Er kennt keinen Anfang und kein Ende, keine Hierarchie, keine Richtung, und genau diese Qualität macht ihn zum idealen Träger kosmischer Symbolik.
In vielen Kulturen steht der Kreis für Vollständigkeit, für den Lauf der Sonne, den Zyklus der Jahreszeiten, die Wiederkehr des Lichts. Meine Himmelsscheiben greifen genau diese Symbolik auf. Ihr kreisförmiger Körper ist kein Zufall, sondern eine bewusste formale Entscheidung, die Ordnung, Zeit und Kosmos in einer einzigen Form zusammenfasst.
In meinen Himmelsscheiben übernehme ich diese Grundform, denn sie gibt jedem Bild seinen Rahmen und sein Zentrum und hält zusammen, was innerhalb ihrer Fläche fragmentiert, geschichtet und überlagert wird. So können Struktur und Offenheit gleichzeitig existieren.
Material, Fragment und Schichtung
Die Ausgangsmaterialien meiner Himmelsscheiben sind Ausstrichpapiere, auf denen Farbe dick und pastos aufgetragen wurde. Die Farbe reißt, bröckelt, hinterlässt Spuren ihrer Entstehung. Genau diese Papiere schneide und reiße ich, füge sie zusammen und lasse daraus zunächst eine Hintergrundgestaltung entstehen.
Die Scheiben selbst sind ein eigener Gestaltungsprozess. Sie entstehen ebenfalls auf Papier, möglichst in der Monatsfarbe, mit metallischen Effekten und einer eigenen Materialität. Dann »morphe« ich alles zusammen, Hintergrund und Scheibe verschmelzen und verstärken sich gegenseitig.
Was sich dabei zeigt, ist nicht vollständig planbar. Die Schichtungen, Brüche und Überlagerungen bleiben sichtbar und bestimmen mit, wohin das Bild geht. Was ich hier beschreibe, ist nur ein kleiner Einblick, mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht verraten.
💡 Was ist Morphing?
Morphen bezeichnet in der digitalen Bildgestaltung das fließende Ineinanderübergehen und Verwandeln von Bildelementen. Der Begriff kommt ursprünglich aus der Filmtechnik, wo er für Übergänge zwischen zwei Formen oder Gesichtern verwendet wurde. In der digitalen Kunst meint er das Zusammenführen und Verschmelzen verschiedener Ebenen und Elemente zu einem neuen, eigenständigen Bild.
Himmelsscheiben als künstlerischer Prozess in der Farbkreisreise 2026

Die Himmelsscheiben folgen den Monatsfarben meiner Farbkreisreise 2026.
Jede Monatsfarbe bekommt ihre eigene Scheibe, ihre eigene Ikonografie, ihre eigene Farbwelt.
Januar: Gelb
Februar: Rot
März: Magenta
April: Violett
…
Nähere Informationen zur Farbkreisreise findest du hier exemplarisch im Blogartikel zur Farbe Violett im April 2026.
Himmelsscheibe Gelb
Gelb öffnet den Raum.

Der äußere Ring teilt sich in mosaikartige Farbfelder, in denen sich Gelbtöne von Zitrone bis Ocker aufgebrochen und neu zusammengefügt zeigen. Im Zentrum eine schwere Mondsichel, kleine Sterne und Punkte verteilen sich im Feld. Das dunkle Innenfeld zieht den Blick nach innen, das Gelb wirkt geerdet, fast metallisch.
Himmelsscheibe Rot
Rot verdichtet den Raum.

Der äußere Ring segmentiert sich wie ein Kalender oder ein Zahnrad, gleichmäßig, fast tektonisch. Im Inneren stehen Vollmond und Mondsichel nebeneinander, im unteren Bereich wachsen zarte Äste ins Bild und erden das Kosmische.
Himmelsscheibe Magenta
Magenta verschiebt den Raum.

Im Zentrum ein Sonnengesicht mit ausgreifenden Strahlen, Planeten und Sternen. Ein metallischer Ring mit Nieten gibt der Scheibe die Anmutung eines gefundenen Objekts. Der Hintergrund bricht auf und zeigt abblätternde Schichten in Weiß und tiefem Magenta. Der Kontrast zwischen der geschlossenen Scheibe und dem aufgelösten Hintergrund erzeugt die Spannung des Bildes.
Himmelsscheibe Violett
Violett vertieft den Raum.

Von allen Scheiben ist sie bisher die abstrakteste. Die linke Hälfte trägt ein radiales Liniensystem, das sich dicht und gleichmäßig ausdehnt. Die rechte Hälfte ist ruhiger, schwebende Kugeln verteilen sich ohne Achse. Das Zentrum ist klein, fast leer, und doch der Punkt, auf den alles zuläuft.
Ausblick und fortlaufende Serie
Jede weitere Farbe im Jahr wird ihre eigene Himmelsscheibe bekommen, mit eigener Geschichte und eigenem Himmel. Gemeinsam wachsen sie zu einem Jahresarchiv und verbinden Beobachtung und Gestaltung, Vergangenheit und Gegenwart, Struktur und Offenheit zu einer Serie, die Monat für Monat weiterwächst. Ich bin gespannt, wohin sie bis zum Jahresende 2026 führt.
Mich hat dieses Thema sehr gepackt, nicht nur gestalterisch, sondern auch in seiner Frage nach dem Menschen und dem Menschsein im Universum. In den kommenden Monaten möchte ich unbedingt das Museum in Nebra besuchen. Dort ist die Himmelsscheibe von Nebra im Besucherzentrum Arche Nebra* zu sehen. Man kann sie dort nicht nur allein als Objekt sehen, sondern im Zusammenhang mit Informationen zu ihrer Entstehungszeit und einem Blick in den bronzezeitlichen Himmel im Planetarium. Vielleicht ist es genau dieser Blick nach oben, der uns als Menschen verbindet.
Ich freue mich, wenn du diese Entstehungsreise hier oder auf Instagram begleitest.
Hier findest du ein weiteres Jahresprojekt im Rahmen der Farbkreisreise mit dem Titel „Farbkreisreise 2026 – Herzbotschaften in Farbe“.
Auch hier läuft das Projektthema durch alle Monatsfarben der Farbkreisreise 2026.
Weiterführende Literatur
Wer tiefer in die Themen dieses Artikels einsteigen möchte, findet hier eine kleine Auswahl an Büchern, die mich inspiriert haben oder die ich als weiterführende Lektüre empfehlen kann.
Harald Meller/Kai Michel: Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas*, Propyläen Verlag, 2018
Josef Albers: Interaction of Color*, Yale University Press, 1963, deutsche Ausgabe Hatje Cantz Verlag, 2023
Gaston Bachelard: Poetik des Raumes*, 1957, deutsche Ausgabe S. Fischer Verlag
Carl Gustav Jung: Mandala. Bilder aus dem Unbewussten*, Patmos Verlag, 2021
Johann Wolfgang von Goethe: Zur Farbenlehre*, 1810, verschiedene moderne Ausgaben (u. a. Hanser Verlag)
* Alle Buchempfehlungen sind unbezahlte Werbung. Ich empfehle nur Bücher, die ich selbst kenne und für wertvoll halte.
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