„Blumen des Meeres“ – Anna Atkins und die Cyanotypie
- Susanne Heinen

- 12. Juni
- 9 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Juni

Cyan begleitet die Farbkreisreise nun seit fünf Jahren, und in dieser Zeit habe ich die Farbe jedes Mal neu entdeckt, Impulse gesetzt, Aktionen gestaltet und Texte geschrieben. Jede neue Beschäftigung mit einer Farbe führt mich zu neuen Wegen und Inspirationen für weitere Projekte.

Bei der Schreib-Challenge „Wellenrauschen“ 2024 habe ich gemerkt, wie sehr mich Unterwasserwelten und ihre Geschichten faszinieren. Die Collage der Reihe „Starke Frauen“ zeigte mir Cyan von einer anderen Seite: schwer, dunkel, in tiefen Petroltönen, fast unheimlich.
Trotzdem blieb Cyan für mich eine Farbe auf Abstand und wurde nie zu meiner Lieblingsfarbe. Die Einordnung dieser Farbe fällt vielen schwer, vermutlich auch, weil der Begriff im Alltag selten verwendet wird, außer man bestellt gerade eine Druckerpatrone :-).
Warum leuchtet Cyan am Bildschirm so viel greller als auf Papier, als Aquarellfarbe, Buntstift oder Pigment? Ist das nun ein Blau oder ein Grün, und was unterscheidet Cyan überhaupt von einem gewöhnlichen Blau oder Türkis? Diese Fragen klingen einfach, gehen aber rasch in die Kunst- und Farbgeschichte, denn Cyan ist kein altes Farbwort wie Rot oder Gelb. Es gehört zur Welt der Reproduktion, des Drucks und der Bildschirmfarben. Im Vergleich zu Farbnamen wie Rot, Gelb oder Blau ist Cyan ein relativ junges Farbwort. Als die Farbkreisreise jetzt im Juni 2026 im fünften Jahr wieder bei Cyan ankam, wollte ich es genauer wissen und der Frage nachgehen, wo die Ursprünge dieser Farbe liegen. Die Recherche führte mich weiter zurück, als ich gedacht hatte, zu einer Botanikerin im viktorianischen England. Mit ihr beginnt die Geschichte, die zu unserem heutigen Cyan führt, und zwar mit einem Päckchen aus blauen Blättern …

In dieser Farb-Anekdote geht es um Cyan als Farbe zwischen Fotografie, Druck und Bildschirm und um die Wege, auf denen eine Farbe zum Bestandteil moderner Bildwelten wurde.
Inhaltsverzeichnis
Anna Atkins und das erste fotografische Buch
Bei meiner Recherche zu Cyan bin ich einer Frau begegnet, die mich ehrlich überrascht hat. Anna Atkins lebte im viktorianischen England, einer Zeit, in der Frauen nur wenige Möglichkeiten hatten, wissenschaftlich zu arbeiten. Trotzdem beschäftigte sie sich mit Botanik, veröffentlichte eigene Arbeiten und entwickelte eine Form der fotografischen Dokumentation.
Eine frühe Spur ihrer Arbeit zeigt sich im Oktober 1843, als ein Päckchen die Royal Society in London erreichte.

Darin lagen Blätter in einem leuchtenden Blau, auf denen weiße Algen schwebten, jede mit ihrem Namen beschriftet, von Hand. Geschickt hatte es Anna Atkins (1799–1871), eine Botanikerin aus Kent.
Was kaum jemand damals sofort begriff: Dieses Päckchen war das erste Buch der Welt, das mit fotografischen Bildern illustriert war. Es erschien noch vor William Henry Fox Talbots Pencil of Nature von 1844, das oft als erstes Fotobuch bezeichnet wird.
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Dass dieses Buch von einer Frau geschaffen wurde, war für die Zeit ungewöhnlich, denn die Royal Society war ausschließlich Männern vorbehalten. Frauen wurden dort erst über hundert Jahre später aufgenommen.
Anna Atkins gelangte nur über ihren Vater in diese männliche Domäne. John George Children war Sekretär der Royal Society und arbeitete am British Museum. Nach dem frühen Tod der Mutter unterrichtete er seine Tochter selbst. So erhielt sie eine wissenschaftliche Bildung, wie sie für eine Frau ihrer Zeit selten war.
In ihren frühen Zwanzigern zeichnete Anna Atkins eine große Zahl präziser Muscheldarstellungen, die in die englische Ausgabe von Lamarcks naturkundlichen Arbeiten über Muscheln eingingen. Später legte sie ein Herbarium mit rund 1500 Pflanzen an und wurde Mitglied der Botanical Society of London, einer der wenigen gelehrten Gesellschaften, die Frauen offenstanden. Manche sehen in Anna Atkins die erste Fotografin der Geschichte.
John Herschel und die Erfindung der Cyanotypie
Das Verfahren, mit dem Anna Atkins arbeitete, stammte von John Herschel (1792–1871). Herschel war einer der berühmtesten Astronomen seiner Zeit und der Sohn von Wilhelm Herschel, dem Entdecker des Planeten Uranus.

John Herschel kartierte den Sternenhimmel der Nord- und Südhalbkugel und verzeichnete Tausende Doppelsterne und zahlreiche Nebel. Daneben gab er der jungen Fotografie ihre Sprache, denn von ihm stammen die Begriffe „Fotografie“, „Negativ“ und „Positiv“. Außerdem entwickelte er ein chemisches Fixierverfahren, das es erstmals ermöglichte, fotografische Bilder dauerhaft haltbar zu machen.
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1842 erfand er ein Verfahren, das sich als besonders stabil und einfach in der Anwendung erwies: die Cyanotypie. Grundlage war eine lichtempfindliche Eisenverbindung, die nach Belichtung und Wässerung ein dauerhaftes blaues Bild ergibt.
Den Namen bildete er aus dem griechischen „kýanos“, dem alten Wort für Dunkelblau, das im heutigen „Cyan“ weiterlebt. Der Mann, der den Himmel nach Sternen absuchte, schuf damit ein Verfahren, das Bilder in einem intensiven Blau festhielt.
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Wie Anna Atkins zur Cyanotypie kam
Dass Anna Atkins so früh mit diesem Verfahren arbeiten konnte, hing mit ihrer Nähe zu Herschel zusammen. Er gehörte zum wissenschaftlichen Kreis ihres Vaters und lebte in der Nachbarschaft der Familie.

Als er die Cyanotypie um 1842 entwickelte, gab er ihr diese Anleitung persönlich weiter. Das verschaffte ihr vermutlich einen Vorsprung gegenüber vielen Zeitgenossen.
Berichten zufolge enthielten die ersten gedruckten Anleitungen zum Verfahren Fehler, sodass es vielen nicht gelang, brauchbare Ergebnisse zu erzielen. Atkins hingegen erhielt die Formel direkt vom Erfinder und konnte das Verfahren von Beginn an erfolgreich anwenden.
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Eine Kamera besaß sie bereits seit 1841, und auch William Henry Fox Talbot, einer der Pioniere der frühen Fotografie, gehörte zu ihrem Bekanntenkreis. Für ihre Algen entschied sie sich dennoch für Herschels Cyanotypie, weil sie günstiger und haltbarer war als Talbots Verfahren.
📌 Infobox: William Henry Fox Talbot und die Kalotypie
William Henry Fox Talbot entwickelte in den frühen 1840er-Jahren die Kalotypie, ein frühes fotografisches Verfahren auf Papier. Dabei entsteht zunächst ein Negativ, von dem sich mehrere Positive herstellen lassen.
Dieses Prinzip der Reproduzierbarkeit war ein wichtiger Schritt in der Geschichte der Fotografie. Im Vergleich zur Cyanotypie war die Kalotypie jedoch empfindlicher und technisch aufwendiger, die Abzüge galten als weniger dauerhaft.
Talbots Werk Pencil of Nature (1844) zählt zu den ersten Büchern, in denen fotografische Bilder systematisch veröffentlicht wurden.
Die Technik der Cyanotypie
Die Technik ist fast archaisch. Man bestreicht Papier mit zwei Eisensalzen, legt einen Gegenstand darauf, eine Alge, einen Farn, ein Blatt, und stellt es in die Sonne. Das Sonnenlicht ist dabei der eigentliche Pinsel, und je nach Wetter dauert eine Belichtung einige Minuten. Wo das Licht auftrifft, färbt sich das Papier, wo der Gegenstand liegt, bleibt es weiß.

Danach wäscht man das Blatt in Wasser, und hier geschieht das Eigentliche. Frisch belichtet wirkt das Papier noch stumpf und grünlich, erst im Wasser schlägt der Ton um und vertieft sich zu einem leuchtenden Blau.
Es ist dasselbe Pigment, das Maler als Preußischblau kennen, das Berliner Blau. Das Bild entsteht ohne Pinsel, allein aus Licht, Wasser und Chemie. Bildquelle: wikipedia
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Das Cyanotypie-Werk von Anna Atkins
Die Algen, mit denen Anna Atkins arbeitete, stammen nicht aus einer einzelnen Quelle. „Algen“ sind kein einheitlicher Organismus, sondern ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Gewächse des Meeres, von winzigen Formen bis zu meterlangem Tang. Ihre Gestalt, Farbe und Größe variieren stark, je nach Lebensraum und Art.
Atkins sammelte einen Teil dieser Exemplare selbst an der englischen Küste. Weitere erhielt sie über das botanische Netzwerk ihrer Zeit, in dem Pflanzen getrocknet, gepresst und zwischen Naturforschern ausgetauscht wurden. Solche Herbarien waren im 19. Jahrhundert ein zentrales Mittel wissenschaftlicher Dokumentation.

Auf dieser Grundlage entstand ihr Algenbuch mit dem Titel Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions. Für dieses Werk arbeitete Atkins mit rund vierhundert Meeresalgen. Drei Bände, zehn Jahre Arbeit, jede Tafel von ihr selbst belichtet und gewaschen.
Da sie einzelne Algen mehrfach auflegte und sich die Positionen dabei leicht verschoben, gleicht kein Abzug dem anderen. So wird das Buch zu einem Archiv von Lichtabdrücken.
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Cyan: Die Farbe der Reproduktion
Mit der Cyanotypie tritt Cyan in einen Bereich ein, der über die botanische Dokumentation hinausgeht. Cyan ist hier keine Farbe, die man aus der Tube drückt und mit dem Pinsel aufträgt. Es entsteht, wenn Licht auf beschichtetes Papier fällt, und genau das macht es wiederholbar. Ein gemaltes Bild bleibt ein Unikat, ein belichtetes lässt sich immer wieder erzeugen.
Diese Eigenschaft prägt seine weitere Geschichte. Im technischen Zeichnen wird das Prinzip zur Grundlage der sogenannten Blaupause. Konstruktionspläne lassen sich so vervielfältigen, ohne ihre Information zu verlieren. Man legt eine durchscheinende Originalzeichnung auf das lichtempfindliche Papier und belichtet beides. Die gezeichneten Linien halten das Licht ab und bleiben weiß, der übrige Grund färbt sich blau. So entsteht ein Negativ der Zeichnung, weiße Linien auf blauem Grund. Architekten und Ingenieure vervielfältigten damit ihre Pläne. Im Deutschen heißt eine solche Kopie Blaupause, im Englischen blueprint, und beide Wörter stehen bis heute für einen verbindlichen Entwurf.

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Dieses Blau blieb nicht auf Fotografie und Blaupause beschränkt. Auch im Farbdruck spielte es bald eine Rolle.

Schon im achtzehnten Jahrhundert hatte Jacob Christoph Le Blon gezeigt, dass sich ein farbiges Bild aus mehreren Druckplatten zusammensetzen lässt. Er arbeitete mit einer blauen, einer gelben und einer roten Platte.
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Lizenz: gemeinfrei Um 1900 ordnete sich daraus der Vierfarbdruck, der bis heute gilt: Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz. Die blaue Platte hatte nun einen genauen Namen und einen festen Platz. Sie hieß Cyan.
Erst durch diese Standardisierung wurde aus einem Blau ein definierter technischer Farbwert. Im digitalen Bild entsteht Cyan im RGB-System als additive Mischfarbe aus Grün und Blau.
Am Bildschirm entsteht Cyan, indem grünes und blaues Licht in gleicher Intensität additiv überlagert wird. Diese Lichtfarbe trifft direkt auf das Auge und wirkt dadurch besonders grell, fast elektrisch.

Ein Pigment dagegen leuchtet nicht von selbst. Es wird von außen beleuchtet und schluckt einen Teil des Lichts, nur der Rest wird zurückgeworfen.
So erreicht ein Pigment nie die Intensität der reinen Lichtfarbe, es bleibt immer gedämpfter und sanfter.
Cyan zwischen Fotografie, Druck und Bildschirm
Damit lässt sich abschließend auch die Eingangsfrage beantworten. Blau ist die Farbe des Himmels und der Tiefe, alt und über Jahrhunderte bedeutungsgeladen. Cyan ist das Blau, das vervielfältigt, die Farbe der Sonnenkopie, des Bauplans, des Druckers und des Bildschirms. Es leuchtet am Monitor so viel greller als in seiner pigmentierten Form, weil es am Bildschirm als Lichtfarbe und in Druck und Malerei durch Pigmente entsteht. Eines der ersten bedeutenden Werke in dieser Farbe war ein Buch über Algen. Anna Atkins schuf es, indem sie mit Licht und Wasser „das Meer aufs Papier“ brachte. Ein Teil ihrer originalen Cyanotypien ist heute in bedeutenden Sammlungen wie der British Library, dem Victoria and Albert Museum und der New York Public Library erhalten und wird dort als frühes Schlüsselwerk der Fotogeschichte bewahrt.
Bis heute begleitet uns Cyan in fast allen Bildern, die wir sehen und erzeugen. Trotz meiner intensiven Beschäftigung im Rahmen der Farbkreisreise hat sich diese Farbe in dieser Recherche noch einmal neu gezeigt und anders verdichtet. Ihre kühle, technische Qualität trägt eine lange Geschichte in sich, von Atkins’ Algen bis hin zur Druckerpatrone.
Wer die Cyanotypie einmal ausprobiert, erlebt diesen Moment zwischen Licht und Blau unmittelbar. Das Sammeln der Materialien, das Auflegen der Pflanzen und das Warten auf das Bild öffnet dabei eine eigene, langsame Form der Aufmerksamkeit. Wenn ich das nächste Mal auf Cyan stoße oder damit arbeite, denke ich sicher an das Päckchen aus blauen Blättern und an Anna Atkins.

Literatur zu Cyan und Cyanotypie
Peter Walther (Hg.), Anna Atkins. Cyanotypes*, Taschen 2023. Eine vollständige Wiedergabe ihrer Algen- und Farnbände, mit Tafeln aus den Sammlungen der New York Public Library und des Getty Museums.
Blue Prints. The Pioneering Photographs of Anna Atkins*, New York Public Library und Prestel 2018. Die erste große Übersicht über ihr Leben und Werk, erschienen zur gleichnamigen Ausstellung.
Michel Pastoureau, Blau. Die Geschichte einer Farbe*. Eine Kulturgeschichte des Blau von der Antike bis in die Gegenwart.
Mike Ware, Cyanotype. The History, Science and Art of Photographic Printing in Prussian Blue*. Eine grundlegende Monografie zur Cyanotypie, die Geschichte, chemische Grundlagen und künstlerische Anwendung des Verfahrens von John Herschel bis in die Gegenwart verbindet und das Verfahren als frühe Form fotografischer Reproduktion einordnet.
Larry J. Schaaf (Hg.), Sun Gardens. Cyanotypes by Anna Atkins*. Eine umfassende Publikation zur fotografischen Arbeit von Anna Atkins, die ihre Cyanotypien im Kontext der frühen Fotografie und botanischen Wissenschaft zeigt und ihr Werk als eines der ersten fotografisch illustrierten Bücher einordnet. *Hinweis: Unbezahlte Werbung, die Buchempfehlungen sind persönliche Empfehlungen ohne Kooperation.

Weiterführende Artikel:
Dieser Artikel ist Teil der Artikelserie „Farb-Anekdoten: Wenn Farben Geschichten erzählen“. Alle Beiträge der Reihe findest du hier.
Der Text gehört zur Farbe Cyan innerhalb der Farbkreisreise im Juni 2026. Informationen zu den monatlichen Themen und Aktionen findest du dort.
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