Farbkreisreise Blau: Das Traumaquarium – was unter der Oberfläche wartet
- Susanne Heinen

- vor 2 Tagen
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 9 Stunden

Das „Traumaquarium“ begleitet mich schon mehrere Jahre und ist somit kein zufällig gewählter Titel. Erste Bilder dazu entstanden bereits 2022 für eine Instagram-Aktion. Seitdem tauchen diese blauen Wasserwelten immer wieder in meinen Arbeiten auf: Tiefseefische, schwebende Pflanzenformen, Traumlandschaften und dieses eigentümliche Gefühl zwischen Ruhe und Fremdheit. Eine Faszination, die mich seit meiner Kindheit begleitet.
Ich bin Ende der 1970er Jahre aufgewachsen und damals gab es tatsächlich nur drei Fernsehprogramme. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen. In den langen Sommerferien im August war es damals das Größte, manchmal nachmittags das zusammengestellte Kinderferienprogramm zu sehen. Mich haben dabei vor allem zwei Richtungen angezogen: der Blick nach oben ins Weltall und der Blick nach unten ins Meer. Raumschiffe, fremde Welten, aber auch Wasserwesen, Nixen und die Sagen um Atlantis. Beide hatten diese seltsame Anziehungskraft des Unergründlichen für mich.
Diese Themen haben mich nie ganz losgelassen und ziehen sich in Kombination mit Kunst, Literatur und Philosophie durch meine Arbeit im artCounseling. Dem Blick ins Weltall habe ich bereits einen eigenen Beitrag in meinem Jahresprojekt 2026 „Himmelsscheiben – Kosmologie der Farben“ gewidmet.
Dieser Artikel richtet den Blick nun nach unten, ins Meer, in die Tiefe und in das, was ich das Traumaquarium nenne. Er folgt Spuren aus Kultur, Literatur und innerer Erfahrung: den Bildern der Tiefe, den zwei Gesichtern der Farbe Blau und dem Raum zwischen Wahrnehmung, Erinnerung und Vorstellung.
Gleichzeitig ist er die inhaltliche Hinführung zur Schreib-, Kreativ- und Foto-Challenge „Das Traumaquarium“ im Mai 2026. Alle praktischen Informationen zur Aktion, von Wortschnipseln und Bildmaterialien bis hin zum Mitmachen, findest du in Teil 2 Farbkreisreise Blau: Schreib-, Kreativ- und Foto-Challenge „Das Traumaquarium“.
Der Blick in die Tiefe
Woher kommt eigentlich unser Interesse an manchen Dingen, wo ist der Beginn oder die erste Erinnerung, die uns bis in unser Erwachsenenleben begleitet? Diese Fragen können manchmal aus dem Nichts auftauchen und uns ins Grübeln bringen. Oft nehmen wir uns nicht die nötige Zeit, den Faden aufzunehmen, doch verpassen wir dabei eine wichtige Sache: die Rückverbindung zu uns selbst, zu unseren Erinnerungen. Ich spreche hier von den positiv besetzten, kraftvollen Erinnerungen, die als verkapselte Kindheitskraft in uns liegen.
Drei Bilder aus meiner eigenen Kindheit haben mich bei der Idee zum Traumaquarium besonders geprägt. Vielleicht findest du beim Lesen deine eigenen Anknüpfungspunkte zum Thema Traum, Wasser, Tiefe …
Jules Verne und die Nautilus
Kaum jemand hat die Faszination der Tiefe so bildhaft und konsequent erzählt wie Jules Verne Ende des 19. Jahrhunderts.

In seinem Roman »Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer« (erschienen 1869–1870) taucht Kapitän Nemo mit seinem U-Boot Nautilus in Regionen hinab, die kaum Licht erreichen.
Dort begegnet man einer Welt, die fremd und traumartig wirkt. Das Meer wird nicht nur zum Schauplatz, sondern zu einem eigenen Kosmos.
Kapitän Nemo hat der Welt der Menschen den Rücken gekehrt und die Tiefe zu seinem einzigen Lebensraum gemacht. In dieser Entscheidung liegt etwas Radikales, aber auch Trauriges. Die Tiefe ist Schutzraum und Rückzug zugleich. Bildquelle: wikipedia
Lizenz: gemeinfrei
Mich hat dieses Buch in meiner Jugend sehr fasziniert, auch die alte Verfilmung aus den 1950er Jahren. Die Vorstellung einer Welt unterhalb der Oberfläche, in der Technik, Fantasie und Unheimlichkeit zugleich vorhanden waren, gab es damals noch nicht in dem Maße, wie wir sie heute mit Science-Fiction- und Fantasy-Themen kennen.
Cousteaus Unterwasserwelt
Auch Jacques-Yves Cousteau (1910–1997) hat meine Vorstellung vom Meer geprägt. Mit seinen Dokumentationsfilmen öffnete er in den 1970er Jahren eine Welt, die wissenschaftlich aufbereitet und zugleich poetisch war. Seine Unterwasseraufnahmen zeigten farbenreiche Korallen, still gleitende Fische und die Bewegung des Wassers. Gleichzeitig aber auch Aufnahmen von Tiefseewesen, dunklen Meerestiefen und der schieren Größe und Stille des Ozeans, aus denen man erahnen konnte, dass der Mensch von dieser Meereswelt im Grunde nur einen Bruchteil kennt.

Als Kind war das für mich faszinierend und unheimlich zugleich, denn Cousteaus Unterwasserwelt war nicht nur schön, sondern auch befremdlich. Es war, als würde das Meer sich in seiner ganzen Doppeldeutigkeit zeigen: leuchtend und bedrohlich, lebendig und schweigend, offen und unergründlich.
Bildquelle: wikipedia
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Diese Mischung hat mich tief beeindruckt. Die Aufnahmen aus „Die Geheimnisse des Meeres“ öffneten mir den Blick in eine verborgene Welt. Unter der Oberfläche lag viel mehr als nur Wasser: eine eigene Ordnung, jede Menge Leben in der Tiefe, voller Geheimnisse und Gefahren.
Die kleine Meerjungfrau
Neben Verne und Cousteau gehört für mich die kleine Meerjungfrau zu dieser Welt der Tiefe. In den Verfilmungen und Bildern der 1970er Jahre, aber auch in älteren Illustrationen, begegnet sie mir als Figur zwischen zwei Welten. Das Meer ist hier nicht nur Naturraum, sondern ein Ort der Verwandlung. Es ist ein Reich der Sehnsucht, aber auch der Grenze.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir der tschechische Märchenfilm von 1976 nach Hans Christian Andersen (1805–1875). Doch je nach Fassung endet die Geschichte tragisch oder geschönt. In beiden Fällen bleibt etwas von der Spannung zwischen Wunsch und Verlust, Nähe und Unmöglichkeit. Die Meerjungfrau lebt im Wasser und sehnt sich doch nach dem anderen Ufer. Sie gehört nicht ganz hierhin und nicht ganz dorthin.
Bildquelle: wikipedia
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Genau darin liegt für mich ihre Kraft. Das Meer wird bei Andersen zu einer Welt unter der Oberfläche, in der sich Sehnsucht und Verlust berühren. Die Tiefe wird zum Lebensraum und zugleich zur Grenze zwischen Meer und Festland, die sich nicht berühren können, ohne etwas zu verlieren. Es gibt eine zweite, unsichtbare Schicht unter der sichtbaren Welt. Eine Schicht, die nicht nur romantisch ist, sondern auch schmerzlich. Vielleicht fasziniert uns diese Figur deshalb bis heute: weil sie etwas erzählt, das wir selbst kennen: das Gefühl, zwischen zwei Welten zu stehen.
Jules Verne, Cousteau, die kleine Meerjungfrau … Drei sehr unterschiedliche Zugänge zur Meerestiefe, und doch berühren sie alle dieselbe Frage: Was liegt unter der Oberfläche, was lässt uns träumen, was berührt uns?
Die zwei Gesichter der Farbe Blau
Blau ist für mich die Farbe des Unbekannten. Im Marianengraben wird es mit jedem Meter dunkler, bis kein Licht mehr hinunterreicht. Eine Stille, die nicht beschrieben werden kann, weil sie außerhalb jeder Erfahrung liegt. Auch über der Atmosphäre wird das Blau dünner, bis es ins Schwarz des Alls übergeht.
Zwischen diesen beiden Richtungen liegt etwas Gemeinsames, das sich dem Blick entzieht, sobald man versucht, es festzuhalten. Beides sind Räume, die den Menschen seit jeher faszinieren und gleichzeitig mit einer leisen Furcht erfüllen. Was lebt dort unten, wo kein Licht hinreicht? Was wartet dort draußen, jenseits des Sichtbaren?
Das Unheimliche lebt im Unbekannten, und Blau ist seine Schwelle.
Und dann, nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche, dort, wo der Sand ins Meer übergeht, ist dasselbe Blau plötzlich ein anderes. Türkis und durchsichtig, fast unwirklich hell, ein Blau, das nach außen strahlt, statt nach innen zu ziehen. Zwischen diesem Strandblau und dem Dunkel des Marianengrabens liegen nur ein paar tausend Meter Wasser. Und doch wirkt es, als gehörten sie nicht derselben Welt an.

In der Literatur trägt Blau die Sehnsucht in sich. Bei den Romantikern wird das besonders deutlich. Die „blaue Blume“ bei Novalis ist kein konkreter Gegenstand, sondern ein Bild für das Ungreifbare, das Ersehnte, das sich nie ganz erreichen lässt. Auch das Meer folgt dieser Bewegung. Man kommt ihm nahe und verliert es im selben Moment wieder, weil es sich verändert, sobald man es ansieht.
In Blau gibt es keine Eindeutigkeit. Abgrund und Licht, Furcht und Sehnsucht, Schweigen und Staunen stehen nebeneinander, ohne sich aufzulösen. Vielleicht ist es genau deshalb die Farbe, die zum Schreiben einlädt. Blau hält keine Antworten bereit. Es lässt Fragen offen. Vielleicht beginnt genau hier der Raum, in dem sich das Blau nach innen wendet.
Das Traumaquarium – ein Wort aus Traum und Aquarium, ein innerer Raum aus Bildern, Tiefe und Erinnerung.
Das Traumaquarium
Wer jemals vor einem großen Schauaquarium gestanden hat, kennt dieses eigentümliche Gefühl: Die Zeit verlangsamt sich, die Geräusche von außen treten zurück, und man bleibt einfach stehen und schaut. Die Fische gleiten lautlos, die Pflanzen wiegen sich, das Licht bricht sich im Wasser auf eine Art, die es anderswo nicht gibt. Beim Zusehen wird man still, ohne dass man weiß, warum.
Ein Schauaquarium macht das Verborgene sichtbar. Das Traumaquarium macht das Innere sichtbar.
C. G. Jung beschreibt das Wasser in seinen Schriften zur Tiefenpsychologie immer wieder als Symbol für das Unbewusste, als einen Bereich der Psyche, der sich dem direkten Blick entzieht, aber dennoch wirkt und trägt. Träume tauchen im Schlaf auf, unkontrolliert und fremd, manchmal klar, manchmal bruchstückhaft. Sie entstehen aus dem Unbewussten, ohne dass man sie bewusst lenkt. Daneben gibt es die Tagträume, diese leichten Verschiebungen im Alltag, und die bewusst weitergesponnenen, ausgemalten inneren Bilder, die fast schon Geschichten werden.
Dieses traumhafte Schweben in einer blauen Wasserwelt lässt sich nicht festhalten. Leicht und schwerelos, manchmal märchenhaft hell, manchmal dunkel und tief, immer in Bewegung, immer nur im Moment sichtbar. Ein Aquarium hält dieses Wasser in Form, gibt ihm Grenzen, hält fest, was sich sonst dem Blick entzieht.
Was schwimmt in deinem Traumaquarium? Welche Träume leben dort, die im Tageslicht kaum sichtbar werden? Wie sind die Farben? Luftiges Blau oder Tiefseedunkel? Es gibt viele Möglichkeiten, mit dem Thema zu spielen.
Ausblick
Mich fasziniert an diesem Thema vor allem, dass es nie abgeschlossen ist. Das Traumaquarium ist kein Konzept, das man einfach abhakt. Es ist ein innerer Resonanzraum, der sich immer wieder verändert. Mit jeder Erinnerung, jedem Blick, jedem Wort kann sich darin etwas Neues zeigen.
Was liegt also unter der Oberfläche? Was schwimmt in deinem Blau? Vielleicht ein Traumfisch, vielleicht Atlantis, vielleicht nur ein Bild, das noch keinen Namen hat. Vielleicht genau das, was wir brauchen, um weiterzuschreiben, weiterzudenken und weiterzufühlen.

Im nächsten Teil wird aus dieser Idee eine Einladung zur Aktion: mit Wortschnipseln, Farben, Bildern und Formen, die dich dazu anregen, dein eigenes Traumaquarium sichtbar zu machen.
Du möchtest selbst mitmachen und weißt noch nicht wie? Alle Inspirationen, Wortschnipsel, Bildmaterialien und praktischen Infos zur Schreib-, Kreativ- und Foto-Challenge findest du in Teil 2 dieses Artikels – „Das Traumaquarium: Die Challenge“.
Ich freue mich auf dein Traumaquarium. 💙
Weiterführende Literatur
Wer tiefer in die Themen dieses Artikels einsteigen möchte, findet hier eine kleine Auswahl an Büchern, die mich inspiriert haben oder die ich als weiterführende Lektüre empfehlen kann.
Jules Verne: Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer*. Diogenes Verlag, 2002
Ernst Haeckel: Kunstformen der Natur*. Verschiedene moderne Ausgaben erhältlich
Michel Pastoureau: Blau. Die Geschichte einer Farbe*. Wagenbach Verlag, 2003
Hayley Edwards-Dujardin: Blau. Farben der Kunst*. Prestel Verlag, 2023
Maggie Nelson: Bluets*. Wave Books, 2009
* Alle Buchempfehlungen sind unbezahlte Werbung. Ich empfehle nur Bücher, die ich selbst kenne und für wertvoll halte.

Wenn du mehr über die Farbkreisreise wissen möchtest, findest du alle allgemeinen Informationen zur Monatsfarbe Blau im Hauptartikel zur Farbe Blau im Mai.
Weitere Informationen zur Farbkreisreise:
Der Mitgliederbereich der Farbkreisreise ist in Vorbereitung und startet voraussichtlich im Juli 2026.

Dort findest du dann gebündelt alle Informationen zum Start in die jeweilige Monatsfarbe, Hintergründe zur Farbe in Bezug auf Kunstgeschichte und Design, spezielle Aktionen zur Farbe und eine Begleitung durch mich in direktem Austausch in einem geschützten Raum.
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