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Haiku-Triptychon: Vom Suchen und Finden des neuen Jahres


Eine Collage aus bunten Weihnachtssternen.

2026: Ein neues Jahr beginnt, ein noch unbeschriebenes Blatt liegt vor uns. Es gibt noch keine Antworten, und nur in Bewegung, im Losgehen und mit einem Blick, der sich offen umschaut, können wir in diese neuen Tage des Jahres finden. Auf Wegen, die sich erst zeigen, während wir sie gehen. Ich beginne das neue Jahr meistens schreibend, und seit 2024 halte ich den Jahreswechsel in Haikus fest. Kleine Momentaufnahmen, die sich über die Jahre nun zu einem Triptychon fügen. Vom Verblassen des Alten über das Horchen ins Ungewisse bis zum Mut, der sich Schritt für Schritt zeigt. In diesem Artikel verbinde ich mein Haiku-Triptychon mit der kunsthistorischen Form des Triptychons. Es geht um Übergänge, Wahrnehmung und die Frage, wie sich Zeit in Bildern und kurzen Gedichten fassen lässt.


Im Anschluss folgt ein Inhaltsverzeichnis der Artikelabschnitte, die vom Entstehen meiner Haikus über die kunsthistorische Einordnung des Triptychons bis zu den Gedanken für das neue Jahr führen.





Mein Haiku-Triptychon


Falls du unverhofft auf meinen Beitrag gestoßen bist und nicht weißt, was ein Haiku ist, verweise ich dich auf meinen Artikel 5-7-5: Das Haiku, viel Seele in wenigen Worten.


Triptychon © Susanne Heinen
Triptychon © Susanne Heinen

Unter dem Punkt Triptychon – Ursprung, Wirkung und Poesie erfährst du weiter unten im Text, was ein Triptychon ist.








Linker Flügel (2024):


Altes Jahr verblasst

Ein buntes Morgen erwacht

Wege öffnen sich


Der linke Flügel zeigt den Rückblick auf das Vergangene. Als das Vertraute zurücktritt, erscheinen erste Hinweise auf Neues. Farbe bricht durch, Möglichkeiten öffnen sich, wie bei vielen Triptychen, in denen ein Ausblick bereits angelegt ist.


»Neujahr 2024«, Bild und Haiku © Susanne Heinen
»Neujahr 2024«, Bild und Haiku © Susanne Heinen

Mitteltafel (2025):


Zeit steht still und lauscht

Neues aus der Ferne ruft

Hoffnung geht voran


Die Mitteltafel hält den Moment der Stille fest. Aufmerksamkeit entsteht, während der Ruf aus der Ferne schon eine Orientierung bietet. Wie Campins Mérode-Triptychon, in dem die Verkündigung in ruhiger Alltäglichkeit stattfindet, liegt hier die Kraft im Lauschen, nicht im Ereignis selbst.


»Neujahr 2025«, Bild und Haiku © Susanne Heinen
»Neujahr 2025«, Bild und Haiku © Susanne Heinen


Rechter Flügel (2026):


Neues Jahr erwacht

Horizonte öffnen sich

Schritte finden Mut


Im rechten Flügel weitet sich der Blick. Mut entsteht Schritt für Schritt, und der Übergang ins Neue zeigt sich im Gehen. Es ist kein Abschluss, sondern eine Haltung, die den Bogen des Triptychons vollendet.


»Neujahr 2026«, Bild und Haiku © Susanne Heinen
»Neujahr 2026«, Bild und Haiku © Susanne Heinen


Triptychon – Ursprung, Wirkung und Poesie


Der Begriff Triptychon stammt aus dem Griechischen (tríptychos, „dreifach gefaltet“). Ursprünglich entstanden diese Tafeln im byzantinischen Frühmittelalter als faltbare und tragbare Elfenbeintafeln für Andacht und Reliquien-Schutz. Später, ungefähr ab dem 12. Jahrhundert, entwickelten sie sich in Westeuropa zu Altarbildern mit Mitteltafel und zwei beweglichen Flügeln, die Geschichten in drei Teilen erzählten. Meist waren es biblische Erzählungen über Paradies, Sünde oder Erlösung.



Berühmte Triptychon-Beispiele:



Der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch, zwischen 1490 und 1500
Der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch, zwischen 1490 und 1500


Mérode-Triptychon von Robert Campin, zwischen 1427 und 1432
Mérode-Triptychon von Robert Campin, zwischen 1427 und 1432

Kreuzigungstriptychon von Rogier van der Weyden, zwischen 1440 und 1445
Kreuzigungstriptychon von Rogier van der Weyden, zwischen 1440 und 1445


Geschichte im Überblick:

Historisch spannt sich die Entwicklung des Triptychons von byzantinischen Reliquien bis zur Moderne.


  • Byzanz (6.–10. Jh.): Tragbare Reliquiare, größtenteils aus Elfenbein, dienten der Andacht und dem Schutz heiliger Gegenstände.


  • Maasland (12. Jh.): Erste westliche Formen des Triptychons entstehen in der Region entlang der Maas (heute Niederlande, Belgien, Nordfrankreich). Diese Altarbilder mit Mitteltafel und zwei Flügeln erzählen religiöse Szenen und prägen die gotische Tafelmalerei Westeuropas.


  • Gotik/Renaissance (13.–16. Jh.): Höhepunkt als Kirchenaltäre; komplexe Bildgeschichten mit religiösem Bezug.


  • Moderne (19.–21. Jh.): Triptychen werden zunehmend säkular, greifen psychologische, gesellschaftliche oder literarische Themen auf.


Heute lebt das Triptychon nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Literatur, Fotografie, kreativer Gestaltung und Poesie weiter. Als eine Struktur, die Übergänge sichtbar macht und so Räume für die persönliche Reflexion schafft.


Übertragung auf Poesie und Wahrnehmung


Mein Haiku-Triptychon versucht, die dreiteilige Struktur in die Poesie zu übertragen. Vom linken Flügel über die Mitteltafel zum rechten entsteht ein erzählerischer Bogen, der Jahre überdauert. In kurzen Momenten werden Übergänge sichtbar, die innere und äußere Veränderungen erfahrbar machen und einen Rhythmus zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spannen.


Digitalcollage als Triptychon »Vom Suchen und Finden des neuen Jahres«, © Susanne Heinen
Digitalcollage als Triptychon »Vom Suchen und Finden des neuen Jahres«, © Susanne Heinen

Zwischen Aufbruch und Weite

Farbe webt sich subtil durch die Gestaltung der Haikus. Das dezente bunte Morgen steht für Aufbruch und Potenzial. Die Ruhe der Mitteltafel vermittelt Aufmerksamkeit und Stille, die offenen Horizonte des rechten Flügels verweisen auf Weite und Mut. So verbinden sich Wahrnehmung, Stimmung und Jahreswechsel.


Das neue Jahr erscheint als offenes Feld, das man selbst gestaltet, durch Beobachtung, kleine Schritte und kreative Impulse. Die Haikus des Triptychons sind kein fertiges Bild, sondern ein Rahmen. Mut zeigt sich im Gehen, im aufmerksamen Blick auf das, was sich zeigt.


Der spanische Schriftsteller Antonio Machado (1875–1937) hat das in seinem Gedicht „Caminante, no hay camino“ wunderbar geschrieben:


„Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht beim Gehen.“


Haiku und Triptychon im artCounseling


Die Verbindung von Haiku und Triptychon ist für mich mehr als eine ästhetische Idee. Haikus fangen einzelne Momente ein, während das Triptychon diese Momente in eine zeitliche Struktur setzt: Rückblick, Gegenwart, Ausblick. So wird sichtbar, wie Übergänge und innere Entwicklungen ineinandergreifen.


Für mich ist das ein persönliches Ritual zum Jahreswechsel: Ich reflektiere das Alte, horche auf das Unbekannte und ermutige mich, Schritt für Schritt ins Neue zu gehen. Diese Methode übertrage ich auch in meine Arbeit im artCounseling. Klientinnen und Klienten können eigene Triptychen gestalten, sei es durch Worte, Farben oder Bilder, und erleben, wie Beobachtung, Reflexion und kreative Ausdrucksformen neue Perspektiven und innere Klarheit eröffnen.


Haiku und Triptychon zusammen schaffen gerade zum Jahresbeginn so einen Rahmen für Achtsamkeit, Selbstbeobachtung und kreative Entfaltung.


Buntes Kleeblatt, © Susanne Heinen
Buntes Kleeblatt, © Susanne Heinen




Ich wünsche dir auf all deinen Wegen im neuen Jahr Mut, Hoffnung und Zuversicht.


Literaturtipps


Für alle, die tiefer eintauchen möchten:


  • König, Sophie (2021): Das literarische Triptychon: Poetik einer transmedialen Form von der Moderne bis in die Gegenwart*. Wilhelm Fink Verlag.

    • Analyse der Übertragung des Triptychons von der bildenden Kunst in Literatur und andere Medien; zeigt, wie Form und Struktur Übergänge sichtbar machen.


  • Belting, Hans (2007): Bild-Anthropologie: Entwürfe für eine Bildwissenschaft*. C.H. Beck Verlag.

    • Diskussion über Wahrnehmung und Wirkung von Bildern, hilfreich, um die Übertragung von Triptychen auf Poesie und Literatur zu verstehen.


  • Ono‑Feller, Masami (Hrsg.) (2022): Haiku. Gedichte aus fünf Jahrhunderten: Japanisch/Deutsch*. Reclam, Philipp.

    • Anthologie mit über 300 Haiku aus fünf Jahrhunderten, jeweils im Original, in Umschrift und in deutscher Übersetzung.



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