top of page

Kunst und Kreativität: Das Gestalten spricht vor dem Wort

Aktualisiert: vor 5 Tagen

Schwarz-weiße Profilzeichnung eines Kopfes mit herablaufender Farbe, daneben die Grundformen Dreieck, Quadrat und Kreis in Gelb, Rot und Blau, dazu die Wörter Kunst, Kreativität, Gestalten.

Anfang Juli habe ich mich mit der Künstlerin Meike Schuster* in einem Café in Kulmbach getroffen. Sie hat mir ein Skizzenbuch überreicht, das seit dem Sommer 2025 unterwegs ist und quer durch den deutschsprachigen Raum reist. Ich war die Nächste auf der Teilnehmerliste der Aktion von Roberta Bergmann* auf ihrer Plattform „Der kreative Flow“*. Wer an der Reihe ist, nimmt sich Zeit für eine Seite, gestaltet sie mit eigenen Gedanken und Bildern und schickt das Buch anschließend weiter. Roberta hat dem Skizzenbuch eine Frage mitgegeben: Was bedeutet Kreativität für dich? Viele, die das Buch bisher in den Händen hielten, haben ihre Antwort direkt auf die Rückseite ihrer gestalteten Seite geschrieben. Mich hat diese kleine Frage mehr beschäftigt, als eine einzelne Seite fassen kann. So sitze ich jetzt hier und schreibe diesen Artikel, denn Kunst war und ist für mich immer ein Weg, auf dem ich mir selbst begegne. Dabei lassen sich Kunst, Kreativität und Gestalten für mich gar nicht sauber voneinander trennen. Sie gehören untrennbar zusammen. Doch was bedeuten Kunst und Kreativität eigentlich? Was bedeuten sie für mich? Ist jeder Mensch, der kreativ tätig ist, automatisch ein Künstler? Und wer entscheidet überhaupt darüber? Viele Fragen, auf die es kaum eine Antwort gibt, die nicht sofort bewertet oder abwertet.


Kreativität bedeutet für mich, dem nachzugehen, was mich berührt, und ihm eine Form zu geben, bevor ich es begreife und zerdenken möchte., dem nachzugehen, was mich berührt, und ihm eine Form zu geben, bevor ich es begreife und zerdenken möchte. Ich arbeite frei und intuitiv, ob im Design, in der Kunst oder in der Kunst- und Gestaltungstherapie. Es gibt keinen Plan, dem ich folge, kein Bild, das schon fertig im Kopf steht. Ich taste, ich folge einer Spur, die eine Farbe mir legt, und merke oft erst im Tun, wohin sie führt.


Handgeschriebenes Akrostichon zum Wort KUNST auf kariertem Papier, die Anfangsbuchstaben in Rot: Kraft, die aus dem Stillen kommt. Umwege, die zum Eigenen führen. Nähe zu dem, was keine Sprache hat. Sichtbar machen, was mich berührt. Tasten nach der Form, bevor ich begreife.
Akrostichon zum Wort KUNST © Susanne Heinen
Dekoratives Trennelement

Kunst und Kreativität im Design


Meine gestalterischen Wurzeln liegen in der Textilmustergestaltung, Fachrichtung Gewebe. Später folgte das Studium zur Diplom-Textildesignerin. Über viele Jahre entstanden Entwürfe für ganz unterschiedliche Materialien. Diese Arbeit hat meinen Blick geprägt, denn Muster begleiten mich bis heute. Sie finden sich längst nicht nur auf Stoffen, sondern ebenso auf Tapeten, Teppichen, Fliesen und vielen anderen Oberflächen, zum Beispiel gedruckt, gewebt oder gestrickt.

Ein Muster muss dabei nicht bildhaft sein. Manche entstehen allein aus Material und Technik und sind eher zu ertasten als zu sehen. Als Textildesignerin habe ich gelernt, in Struktur, Rapport, Wiederholung und Variation zu denken. Gestaltung beginnt nicht erst mit einem Motiv. Oft entsteht sie bereits im Gewebe selbst, in seiner Oberfläche, seiner Haptik und in der Art, wie es Licht aufnimmt.


Design entsteht dabei immer in einem Rahmen. Material, Herstellungsverfahren und Funktion gehören von Anfang an zum Entwurf. Hier geht der Zweck dem Gestalten oft voraus. Beim freien Gestalten gibt es diesen äußeren Rahmen nicht. Dort darf der Prozess selbst bestimmen, wohin er führt. Zwischen diesen beiden Welten zu wechseln, empfinde ich bis heute als große Bereicherung.

Im Design steht das Wort am Anfang. Im freien Gestalten steht es am Ende.
Dekoratives Trennelement

Kunst und Kreativität in der Kunsttherapie


In der Kunsttherapie kommt das Gestalten vor dem Deuten. Das ist die Haltung, aus der heraus ich arbeite. Das Bild geht dem Verstehen voraus. Was im Menschen noch keine Sprache gefunden hat, findet oft zuerst eine Farbe, eine Linie, eine Fläche und erst danach, manchmal viel später, ein Wort. Hilarion Petzold, einer der Begründer der »Integrativen Therapie«, spricht von den „kreativen Medien“. Im Material selbst zeigt sich, was noch keine Worte hat. Das Tun bringt es hervor, nicht die nachträgliche Deutung. Der Ton, das Papier, die Farbe werden zum Gegenüber, in dem etwas Gestalt annimmt, das vorher nur als Ahnung da war.

In meiner mehrjährigen berufsbegleitenden Weiterbildung zum Counselor für Kunst- und Gestaltungstherapie (Counselor grad. BVPPT) habe ich gelernt, diese Reihenfolge zu achten und auch zu spüren, wie leicht man sie verletzen kann. Zu früh zu deuten, zu schnell zu benennen, nimmt der Arbeit den Atem. Der Kunsttherapeut Shaun McNiff rät, dem Werk zuzuhören, statt ihm sofort eine Bedeutung überzustülpen. Ein Bild will nicht gelöst werden wie ein Rätsel. Es will angeschaut, ausgehalten, umkreist werden.


Manchmal ist das Bild, das Werk klüger als ich und weiß etwas, wofür ich selbst noch keine Worte habe. Darum lasse ich das Verstehen warten. Ich bleibe erst einmal bei dem, was mich anrührt, und gebe dem Werk die Zeit, mir selbst zu sagen, wovon es spricht. In dieser Zurückhaltung liegt für mich das Wesentliche meiner Arbeit. Sie traut dem Menschen und seinem Gestalten zu, den Weg von allein zu finden.


Dekoratives Trennelement

Was im schöpferischen Tun geschieht, hat Paul Klee 1920 in einen Satz gefasst, der mich seit Jahren begleitet:


Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.

Klee meint damit, dass Kunst nicht abbildet, was ohnehin vor Augen liegt, sondern etwas zur Erscheinung bringt, das vorher niemand erahnen konnte. Dieser Satz berührt mich, weil so etwas, das zuvor keinen Namen hatte, sichtbar wird. In dem Moment, in dem es Gestalt annimmt, erkenne ich ein Stück von mir, das bis dahin stumm geblieben war.


Was dabei im schöpferischen Prozess geschieht, hat auch die Philosophin Susanne Langer* in ihren Überlegungen zur Kunst beschrieben. Für sie ist Kunst eine eigene Form des Erkennens, keine Illustration fertiger Gedanken. Über vier Jahrzehnte hinweg hat sie diesen Gedanken weiterentwickelt, von ihrem ersten großen Buch 1942 bis zu ihrem Alterswerk, an dem sie bis kurz vor ihrem Tod gearbeitet hat. Kunst zeigt, statt etwas zu sagen, und gibt dem Fühlen eine Form. Manches lässt sich nur zeigen, nicht erklären. Neben der Gestaltung meiner Seite ist im wandernden Skizzenbuch nun so viel mehr entstanden, als ich erwartet hatte: ein Akrostichon, ein Haiku und dieser Blogartikel.


Gestalten beseelt und befreit.
Handgeschriebenes Haiku mit Aquarellfleck in Rot, Blau und Ocker: Was mich still berührt, nimmt in Farben eine Form, ich folge der Spur.
Haiku © Susanne Heinen

Wer diesem Vertrauen ins Tun weiter nachgehen möchte, findet bei Shaun McNiff ein ganzes Buch darüber. In Trust the Process. An Artist's Guide to Letting Go* schreibt er über das Loslassen der Kontrolle und das Zutrauen, dass der schöpferische Prozess selbst weiß, wohin er führt. Das Buch ist bisher nur auf Englisch erschienen.


Eine Frage bleibt, die zunächst harmlos klingt und doch zu den ernstesten gehört, die man der Kunst stellen kann: »Ist das Kunst oder kann das weg?« Ihr mit Ernst nachzugehen, lohnt sich, auch wenn die Kunst selbst dabei wild und frei bleiben darf.

Was bedeuten Kunst und Kreativität für dich?


Vielleicht begleitet dich diese Frage noch ein Stück weiter. Ich freue mich, deine Gedanken dazu kennenzulernen und mit dir darüber ins Gespräch zu kommen.


Weiterführender Artikel


Illustration mit einem Kopf im Profil und den vier Symbolen des artCounseling: Pflanze für Ressourcen, Wellenlinien für Resonanz, Felsbogen im Wasser für Resilienz und Lupe mit Buch für Reflexion.



Über die Haltung, aus der heraus ich arbeite, und wie sich das Gestalten in der Begleitung entfaltet.





Dekoratives Trennelement

Zum Projekt


Die Skizzenbuchreise ist eine wunderbare Gemeinschaftsaktion der Künstlerin, Designerin und Autorin Roberta Bergmann* auf ihrer Plattform „Der kreative Flow“. Im Sommer 2025 gingen nach einer offenen Anmeldung insgesamt drei Skizzenbücher auf die Reise. Seither wandern sie nach einer festen Liste durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Wer an der Reihe ist, gestaltet eine Seite und schickt das Buch weiter. Im Herbst 2026 geht die Reise langsam zu Ende, und über die Monate sind drei Bücher aus unterschiedlichen Handschriften gewachsen. Mehr über die Aktion bei Roberta Bergmann* unter: derkreativeflow.de*.

Dankeschön, liebe Roberta, für diese tolle Aktion und deinen Einsatz für die Kreativität, vor allem aber für die Verbindung, die du damit schaffst.


Hier ist meine Seite im Skizzenbuch:

Collage in Grüntönen aus geschichteten Papierstreifen, Blattformen, einer Sonnenblume, einem Vogel, einem Fisch und einer Schnecke, gestaltet für die Skizzenbuchreise.
Meine Seite im wandernden Skizzenbuch, Juli 2026 © Susanne Heinen

Meine Antwort auf Robertas Frage ist ein grünes Dickicht geworden, in dem sich Vogel, Fisch und Schnecke verbergen. Ich arbeite gern experimentell. Hier habe ich Zeitungspapier mit geschmolzener Ölpastellkreide bearbeitet. Dadurch entstehen schöne Farbverläufe, und das Papier lässt sich danach gut reißen. Bedruckte Transparentpapiere und Folien gehören ebenso zu meinem Materialfundus wie verfremdete Naturmotive. Mein großes Thema in diesem Jahr sind »Assemblage und Diorama«. Im Skizzenbuch ging das nur bedingt, aber einige Teile lassen sich anheben und geben einen Blick ins Verborgene frei.


Die Künstlerin und Kunstpädagogin Meike Schuster* hatte das Skizzenbuch vor mir. In einem gemeinsamen Beitrag bei Instagram zeigen wir unsere beiden Seiten, ihre und meine, und erzählen, wie unterschiedlich zwei Handschriften im selben Buch aussehen können. Schön, wenn der Ausspruch „Kunst verbindet“ so unmittelbar wahr wird.


Zum Blättern klicke einfach auf den Pfeil am Rand.


Die Seiten stammen von Meike Schuster @meike.s.schuster* und von mir @my_art_counseling. Den Beitrag findest du hier bei Instagram.


Dekoratives Trennelement

Quellen

Kurzfassung des Akrostichons zum Wort KUNST mit den Wörtern Kraft, Umwege, Nähe, Sichtbarwerden, Tasten.
Akrostichon © Susanne Heinen

  • Klee, P. (1920). Schöpferische Konfession. In: K. Edschmid (Hg.), Tribüne der Kunst und der Zeit, Bd. XIII. Reiß.


  • Langer, S. K. (1942). Philosophy in a New Key. Harvard University Press. Deutsch: Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst. Übersetzt von Ada Löwith. S. Fischer, 1965.


  • Langer, S. K. (1953). Feeling and Form. Charles Scribner’s Sons. Deutsch: Fühlen und Form. Eine Theorie der Kunst. Felix Meiner, Hamburg 2018.


  • Langer, S. K. (1967–1982). Mind. An Essay on Human Feeling. 3 Bände. Johns Hopkins University Press.


  • McNiff, S. (1992). Art as Medicine. Shambhala.


  • Petzold, H. G. & Orth, I. (Hg.) (1990). Die neuen Kreativitätstherapien. Handbuch der Kunsttherapie. Junfermann.



* Alle Empfehlungen und Verlinkungen sind unbezahlte Werbung. Ich empfehle nur Bücher und Quellen, die ich selbst kenne und für wertvoll halte.


Dekoratives Trennelement

Kennst du schon meinen Newsletter? 


Mach deine Welt bunt – mein Newsletter mit Tipps und Infos zum Thema artCounseling, kreatives Gestalten, Kursangeboten und vielem mehr.

Ich freue mich über dein Interesse. Hier kannst du dich anmelden:


Rundes Logo in Regenbogenfarben mit dem Schriftzug „Mach deine Welt bunt".



Kommentare


miniKreismitNamen_edited.jpg

Hast du Fragen oder Anregungen?

Schreib mir gerne persönlich hier unten über das Kontaktformular.

Danke für die Nachricht!

Impressum     Datenschutz     AGB

© 2021-2026 Susanne Heinen - artCounseling

bottom of page