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Kunst und Kreativität: Das Gestalten spricht vor dem Wort

Schwarz-weiße Profilzeichnung eines Kopfes mit herablaufender Farbe, daneben die Grundformen Dreieck, Quadrat und Kreis in Gelb, Rot und Blau, dazu die Wörter Kunst, Kreativität, Gestalten.

Seit dem Sommer 2025 ist ein Skizzenbuch unterwegs, quer durch den deutschsprachigen Raum. Es ist eine Aktion von Roberta Bergmann* auf ihrer Plattform „Der kreative Flow*“. Wer an der Reihe ist, nimmt sich Zeit für eine Seite und schickt das Buch dann weiter. In der ersten Juliwoche 2026 ist es bei mir angekommen und inzwischen weiter in die Schweiz gereist. Roberta hat dem Buch eine Frage mitgegeben: Was bedeutet Kreativität für dich? Viele haben ihre Antwort auf die Rückseite ihres Blattes geschrieben. Mich hat diese kleine Frage mehr beschäftigt, als eine einzelne Seite fassen kann. So sitze ich jetzt hier und schreibe diesen Artikel und freue mich, auch über deine Sichtweise zu lesen. Denn Kunst war und ist für mich immer der Weg, auf dem ich mir selbst begegne. Dabei lassen sich Kunst, Kreativität und Gestalten für mich gar nicht sauber voneinander trennen. Sie gehören untrennbar zusammen.


Doch was bedeuten Kunst und Kreativität eigentlich? Was bedeuten sie für mich? Ist jeder Mensch, der kreativ tätig ist, automatisch ein Künstler? Und wer entscheidet überhaupt darüber? Viele Fragen, auf die es kaum eine Antwort gibt, die nicht sofort bewertet oder abwertet.


Kreativität heißt, dem nachzugehen, was mich berührt, und ihm eine Form zu geben, bevor ich es begreife und zerdenken möchte. Ich arbeite frei und intuitiv, ob im Design, in der Kunst oder in der Kunst- und Gestaltungstherapie. Es gibt keinen Plan, dem ich folge, kein Bild, das schon fertig im Kopf steht. Ich taste, ich folge einer Spur, die eine Farbe mir legt, und merke oft erst im Tun, wohin sie führt.


Handgeschriebenes Akrostichon zum Wort KUNST auf kariertem Papier, die Anfangsbuchstaben in Rot: Kraft, die aus dem Stillen kommt. Umwege, die zum Eigenen führen. Nähe zu dem, was keine Sprache hat. Sichtbar machen, was mich berührt. Tasten nach der Form, bevor ich begreife.
Akrostichon zum Wort KUNST © Susanne Heinen


Kunst und Kreativität in der Kunsttherapie


In der Kunsttherapie steht das Gestalten vor dem Wort. Das ist die Haltung, aus der heraus ich arbeite. Das Bild geht dem Verstehen voraus. Was im Menschen noch keine Sprache gefunden hat, findet oft zuerst eine Farbe, eine Linie, eine Fläche, und erst danach, manchmal viel später, ein Wort. Hilarion Petzold, der Begründer der »Integrativen Therapie«, spricht von kreativen Medien. Im Material selbst zeigt sich, was noch keine Worte hat. Das Tun bringt es hervor, nicht die nachträgliche Deutung. Der Ton, das Papier, die Farbe werden zum Gegenüber, in dem etwas Gestalt annimmt, das vorher nur als Ahnung da war.

In meiner Ausbildung zum Counselor für Kunst- und Gestaltungstherapie (Counselor grad. BVPPT) habe ich gelernt, diese Reihenfolge zu achten, und auch zu spüren, wie leicht man sie verletzen kann. Zu früh zu deuten, zu schnell zu benennen, nimmt der Arbeit den Atem. Der Kunsttherapeut Shaun McNiff rät, dem Werk zuzuhören, statt ihm sofort eine Bedeutung überzustülpen. Ein Bild will nicht gelöst werden wie ein Rätsel. Es will angeschaut, ausgehalten, umkreist werden.


Manchmal ist das Werk klüger als ich und weiß etwas, wofür ich noch keine Worte habe. Darum lasse ich das Verstehen warten. Ich bleibe erst einmal bei dem, was mich anrührt, und gebe dem Werk die Zeit, mir selbst zu sagen, wovon es spricht. In dieser Zurückhaltung liegt für mich das Wesentliche meiner Arbeit. Sie traut dem Menschen und seinem Gestalten zu, den Weg von allein zu finden.


Was im schöpferischen Tun geschieht, hat Paul Klee 1920 in einen Satz gefasst, der mich seit Jahren begleitet:


Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.

Dieser Satz berührt mich, weil etwas, das zuvor keinen Namen hatte, sichtbar wird. In dem Moment, in dem es Gestalt annimmt, erkenne ich ein Stück von mir, das bis dahin stumm geblieben war. Was dabei im schöpferischen Prozess geschieht, hat auch die Philosophin Susanne Langer in ihren Überlegungen zur Kunst beschrieben. Für sie ist Kunst nicht die Illustration fertiger Gedanken, sondern eine eigene Form des Erkennens. Über vier Jahrzehnte hinweg hat sie diese Gedanken weiterentwickelt, von ihrem ersten großen Buch 1942 bis zu ihrem Alterswerk kurz vor ihrem Tod. Kunst zeigt, statt etwas zu sagen, und gibt dem Fühlen eine Form. Manches lässt sich nur zeigen, nicht erklären. Neben der Gestaltung meiner Seite ist im wandernden Skizzenbuch nun so viel mehr entstanden, als ich erwartet hatte: eine Collage, ein Akrostichon, ein Haiku und dieser Blogartikel.


Gestalten beseelt und befreit.
Handgeschriebenes Haiku mit Aquarellfleck in Rot, Blau und Ocker: Was mich still berührt, nimmt in Farben eine Form, ich folge der Spur.
Haiku © Susanne Heinen

Wer diesem Vertrauen ins Tun weiter nachgehen möchte, findet bei Shaun McNiff ein ganzes Buch dazu. In Trust the Process. An Artist's Guide to Letting Go* schreibt er über das Loslassen der Kontrolle und das Zutrauen, dass der schöpferische Prozess selbst weiß, wohin er führt. Das Buch ist bisher nur auf Englisch erschienen.


Eine Frage bleibt, die harmlos klingt und doch zu den ernstesten gehört, die man der Kunst stellen kann: »Ist das Kunst oder kann das weg?« Ihr mit Ernst nachzugehen, lohnt sich, auch wenn die Kunst selbst dabei wild und frei bleiben darf.


Weiterführender Artikel


Illustration mit einem Kopf im Profil und den vier Symbolen des artCounseling: Pflanze für Ressourcen, Wellenlinien für Resonanz, Felsbogen im Wasser für Resilienz und Lupe mit Buch für Reflexion.



Über die Haltung, aus der heraus ich arbeite, und wie sich das Gestalten in der Begleitung entfaltet.


Quellen

Kurzfassung des Akrostichons zum Wort KUNST mit den Wörtern Kraft, Umwege, Nähe, Sichtbarwerden, Tasten.
Akrostichon © Susanne Heinen

  • Klee, P. (1920). Schöpferische Konfession. In: K. Edschmid (Hg.), Tribüne der Kunst und der Zeit, Bd. XIII. Reiß.


  • Langer, S. K. (1942). Philosophy in a New Key. Harvard University Press. Deutsch: Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst. Übersetzt von Ada Löwith. S. Fischer, 1965.


  • Langer, S. K. (1953). Feeling and Form. Charles Scribner’s Sons. Deutsch: Fühlen und Form. Eine Theorie der Kunst. Felix Meiner, Hamburg 2018.


  • McNiff, S. (1992). Art as Medicine. Shambhala.


  • Petzold, H. G. & Orth, I. (Hg.) (1990). Die neuen Kreativitätstherapien. Handbuch der Kunsttherapie. Junfermann.



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Zum Projekt


Die Skizzenbuchreise ist eine wunderbare Gemeinschaftsaktion der Künstlerin, Designerin und Autorin Roberta Bergmann* auf ihrer Plattform „Der kreative Flow“. Im Sommer 2025 gingen nach einer offenen Anmeldung insgesamt drei Skizzenbücher auf die Reise. Seither wandern sie nach einer festen Liste durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Wer an der Reihe ist, gestaltet eine Seite und schickt das Buch weiter. Im Herbst 2026 geht die Reise langsam zu Ende, und über die Monate sind drei Bücher aus vielen Handschriften gewachsen. Mehr über die Aktion bei Roberta Bergmann unter: derkreativeflow.de*.

Dankeschön, liebe Roberta, für diese tolle Aktion und deinen Einsatz für die Kreativität, vor allem aber für die Verbindung, die du damit schaffst.


Hier ist meine Seite im Skizzenbuch:

Collage in Grüntönen aus geschichteten Papierstreifen, Blattformen, einer Sonnenblume, einem Vogel, einem Fisch und einer Schnecke, gestaltet für die Skizzenbuchreise.
Meine Seite im wandernden Skizzenbuch, Juli 2026 © Susanne Heinen

* Alle Empfehlungen und Verlinkungen sind unbezahlte Werbung. Ich empfehle nur, was ich selbst kenne und für wertvoll halte.

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