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„Mumienbraun“ – Edward Burne-Jones und die Farbtube im Garten

vor 13 Stunden
8 Min. Lesezeit
Collage mit einer zerknitterten alten Farbtube in Mumienbraun im Gras, daneben ein Gänseblümchen, auf grün-braunem Grund.

Eine Farb-Anekdote über ein ungewöhnliches Pigment

Im Oktober ist Braun in der Farbkreisreise® zu Gast, wie jedes Jahr als Special Edition Herbstfarben. Dabei haben wir viele Brauntöne gesammelt, betrachtet und selbst gemischt: draußen für das Kaleidoskop der Herbstfarben und bei der Collage nach Paul Klee. Während der Recherche zu den Farb-Anekdoten bin ich immer wieder erstaunt, welche seltsamen Begebenheiten sich finden. Hinter einer Farbe verbergen sich oft Geschichten über Menschen, Kunst und Handwerk, und manchmal über Dinge, die wir heute kaum für möglich halten.



Logo der Farb-Anekdoten von Susanne Heinen, schwarzer Kreis mit Schriftzug, umrandet von den Farben des Farbkreises.

In dieser Farb-Anekdote geht es um das sogenannte „Mumienbraun“, ein Braun, das tatsächlich aus gemahlenen Mumienresten hergestellt wurde, und um einen Maler, der lange nicht wusste, was in seiner Farbtube steckte.


Inhaltsverzeichnis:



Ein Begräbnis im Garten


Viele Brauntöne verraten in ihrem Namen, woher sie kommen, und wer schon einmal mit Siena oder Sepia gemalt hat, weiß vielleicht, dass hinter der einen eine Erde aus der Toskana und hinter der anderen die Tinte eines Tintenfischs steckt. Bei Mumienbraun liegt die Vermutung nahe, jemand habe einfach einen klangvollen Namen für ein dunkles, warmes Braun gesucht. Genau das dachte auch Edward Burne-Jones (1833–1898), bis zu einem Nachmittag im Jahr 1881, von dem eine seltsame Geschichte überliefert ist.


Edward Burne-Jones im weißen Malerkittel an der Staffelei, mit Palette und Pinseln in seinem Atelier, Schwarz-Weiß-Reproduktion.
Edward Burne-Jones in seinem Atelier, Heliogravüre von Frederick Hollyer (1900) nach einem Gemälde des Sohnes Philip Burne-Jones, 1898

Burne-Jones saß mit Familie und Freunden nach dem Mittagessen im Garten seines Londoner Hauses, The Grange. Als das Gespräch auf Malfarben kam, erzählte Lawrence Alma-Tadema (1836–1912), ein in den Niederlanden geborener Maler, von einem Besuch bei seinem Farbenhändler. Man hatte ihn eingeladen, eine Mumie zu sehen, bevor sie zu Malfarbe verarbeitet wurde.



Bildquelle: Wikipedia Lizenz: gemeinfrei


Burne-Jones war verblüfft und wollte zunächst nicht glauben, dass sich menschliche Überreste hinter dem Namen verbargen. Als Alma-Tadema ihm versicherte, dass es stimmte, stand Burne-Jones auf und ging in sein Atelier. Er kehrte mit seiner einzigen Tube Mumienbraun zurück, und die Farbtube wurde vor den Augen aller im Gras begraben. Eines der Mädchen pflanzte ein Gänseblümchen auf die Stelle.


Runder Bildausschnitt mit gerissenem Papierrand: Eine verwitterte braune Farbtube liegt im Gras neben einem Gänseblümchen.

So schildert es Georgiana Burne-Jones in ihren Erinnerungen an ihren Mann, die 1904 erschienen sind. Auch ihr Neffe Rudyard Kipling (Autor des Dschungelbuchs), der als Kind viele Wochen in The Grange verbrachte, beschrieb das Begräbnis später in seiner Autobiografie. In seiner Erinnerung halfen alle mit, und noch Jahrzehnte danach, schrieb er, hätte er den Spaten fast genau dort ansetzen können, wo die Tube lag.



  • Edward Burne-Jones (1833–1898) war ein englischer Maler aus Birmingham und stand den Präraffaeliten nahe. Mit seinem Freund William Morris entwarf er Glasfenster und Wandteppiche, bekannt sind vor allem seine Bilder nach Sagen und Legenden, etwa die Bilderfolge zum Dornröschen-Stoff (Briar Rose).


  • Lawrence Alma-Tadema (1836–1912) wurde in den Niederlanden geboren und lebte ab 1870 in London. Er malte Szenen aus der Antike, aus Rom, Griechenland und Ägypten, mit großer Liebe zu archäologischen Details.


  • Georgiana Burne-Jones (1840–1920), geborene MacDonald, war die Frau des Malers. Nach seinem Tod schrieb sie die zweibändigen Memorials of Edward Burne-Jones (1904), aus denen die Gartenszene stammt.


  • Rudyard Kipling (1865–1936) war der Sohn von Georgianas Schwester Alice und verbrachte als Kind seine Ferien in The Grange. Später wurde er mit dem Dschungelbuch bekannt und erhielt 1907 den Literaturnobelpreis. Seine Autobiografie Something of Myself erschien 1937, ein Jahr nach seinem Tod.

Eine Farbtube, im Garten begraben, darüber ein Gänseblümchen.

Was im Mumienbraun steckte


Die Mumie in der Werkstatt von Alma-Tademas Farbenhändler war kein Einzelfall. Mumienbraun war ein echtes Künstlerpigment, für das mumifizierte menschliche oder tierische Überreste zerkleinert und mit weiteren Bestandteilen verarbeitet wurden. Der Name war wörtlich zu verstehen. Die Geschichte von Mumienbraun beginnt in der Apotheke, wo Mumienpulver zuerst als Medizin verkauft wurde. Das arabische Wort „mumiya“, das auf das persische „mūmiyā“ zurückgeht, bezeichnete anfangs das Erdpech, einen natürlichen Asphalt, der als Heilmittel galt. Weil man die dunklen Mumien damit in Verbindung brachte, ging der Name später auf die einbalsamierten Körper über.


Seit dem Mittelalter wurden Mumienreste nach Europa gebracht, zu Pulver verarbeitet und als Arzneimittel verkauft. Unter dem Namen „Mumia“ sollte es gegen Wunden, Fieber und zahlreiche andere Beschwerden helfen. Aus diesem ungewöhnlichen Handel gelangte das Material schließlich auch zu den Malern. Als braunes Pigment war Mumienbraun über Jahrhunderte im europäischen Farbenhandel erhältlich.


Im 19. Jahrhundert wuchs Europas Begeisterung für das alte Ägypten. Reisende brachten Altertümer mit, Sammlungen entstanden, Mumien wurden ausgepackt, untersucht und öffentlich vorgeführt. Der Handel, der uns heute befremdet, lebte vom Glauben an die Heilkraft der Mumien und behandelte die Toten einer fernen Kultur als Ware.

Wie lange sich der Handel mit Mumienpulver hielt, zeigt eine Preisliste der Darmstädter Firma Merck aus dem Jahr 1924. Unter der Bezeichnung „Mumia vera Aegyptiaca“ wurde das Kilogramm für zwölf Goldmark angeboten.


Auch andere Farben haben eine schauerliche Herstellungsgeschichte. Für Purpur wurden über lange Zeit Meeresschnecken verarbeitet, und Pigmente wie Schweinfurter Grün enthielten giftige Arsenverbindungen.


Heute können wir als Kreative auf eine große Auswahl synthetischer Pigmente und moderner Künstlerfarben zurückgreifen. Ganz ohne Risiken sind allerdings auch diese nicht, denn manche Pigmente wie Cadmium- oder Kobaltfarben gelten als gesundheitsschädlich, vor allem wenn man ihren Staub einatmet oder Farbreste versehentlich über die Hände in den Mund gelangen. Umso wichtiger finde ich es, zu wissen, womit wir arbeiten.


Warum Maler Mumienbraun schätzten


Künstler verwendeten das Pigment trotz seiner Herkunft, weil sein Material für die Malerei besondere Eigenschaften hatte.


Farbtafel aus Robert Ridgways Farbnomenklatur von 1886 mit 23 Brauntönen, darunter Feld 10 „Mummy Brown“, das englische Mumienbraun.
Farbtafel aus Robert Ridgway, A Nomenclature of Colors for Naturalists, Boston 1886, mit Mumienbraun (Mummy Brown) unter den Brauntönen.

Mumienbraun gehörte zu den transparenten Braunpigmenten und eignete sich für Lasuren, dunkle Schattierungen und Hauttöne. Dünn aufgetragene Farbschichten ließen den Untergrund durchscheinen und verliehen den gemalten Formen Tiefe.


Auch der französische Maler Eugène Delacroix (1798–1863) hatte Mumienbraun unter seinen Farben. Für das Jahr 1854 ist das Pigment im Zusammenhang mit seiner Arbeit am Salon de la Paix im Pariser Rathaus, dem Hôtel de Ville, dokumentiert. Ob er es tatsächlich für dieses aufwendige Wand- und Deckengemälde verwendete, lässt sich nicht mehr klären, denn die Ausmalung wurde 1871 beim Brand des Rathauses zerstört.


Bildquelle: Wikimedia Commons, Internet Archive Book Images

Lizenz: gemeinfrei




Welche berühmten Gemälde mit Mumienbraun gemalt wurden, ist nur schwer zu sagen. Ein dunkler Braunton auf einer Leinwand verrät noch nichts über die Herkunft des verwendeten Pigments. Unter dem Namen Mumia wurde zudem nicht immer dasselbe gehandelt, denn neben echten ägyptischen Mumien kamen auch Fälschungen auf den Markt, etwa frisch präparierte Leichenteile, Asphalt oder Mischungen aus Harzen. Naturwissenschaftliche Untersuchungen sind auf Materialproben angewiesen, die bei bedeutenden Kunstwerken nur selten entnommen werden, und selbst wenn Proben vorliegen, sind die Ergebnisse nicht immer eindeutig.


Das Ende einer Farbe


Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verlor Mumienbraun an Bedeutung, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts scheint seine Verwendung weitgehend ausgelaufen zu sein. Die Beschaffung echter Mumien wurde schwieriger. Immer mehr Künstler empfanden es als unangenehm, mit menschlichen Überresten zu malen, und synthetische Pigmente boten inzwischen Alternativen. Dazu war Mumienbraun je nach Zusammensetzung wenig zuverlässig, es trocknete schlecht und konnte mit der Zeit reißen und verblassen.


Der Londoner Farbenhändler C. Roberson führte das Pigment dennoch bis weit ins 20. Jahrhundert in seinem Sortiment. Am 2. Oktober 1964 berichtete das Magazin TIME unter dem Titel „The Passing of Mummy Brown“ über das Ende der Herstellung bei diesem Unternehmen. Geoffrey Roberson-Park, damals Geschäftsführer der Firma, erklärte, es seien keine Mumien mehr verfügbar, aus denen sich weitere Farbe herstellen ließe. Vielleicht seien noch einzelne Gliedmaßen vorhanden, sagte er, aber nicht genug für eine neue Charge. Die letzte vollständige Mumie habe man bereits Jahre zuvor verkauft, für ungefähr drei Pfund.

Beim Lesen hat mich erschreckt, wie beiläufig hier über einen Menschen gesprochen wird, der einst mit großer Sorgfalt für die Ewigkeit bewahrt worden war.



Die Tube im Gras


Wenn ich mir die Szene im Garten vorstelle, sehe ich Burne-Jones aus dem Atelier zurückkommen, die kleine Tube in der Hand, während die Runde am Tisch auf ihn wartet. Wir wissen nicht, was genau in ihm vorging.


In Kiplings späterer Schilderung sagt Burne-Jones nur, dass die Farbe aus toten Pharaonen gemacht sei und deshalb begraben werden müsse. Vielleicht war es die Vorstellung, dass sich hinter einem vertrauten Braunton menschliche Überreste verbargen, oder er konnte das Material nach diesem Gespräch schlicht nicht mehr verwenden. Bis zu diesem Mittagessen war Mumienbraun für ihn ein Braun wie jedes andere in seinem Atelier, erst das Gespräch über seine Herkunft hat das verändert. Kennst du auch eine Farbe, einen Stoff oder einen Gegenstand, den du anders ansiehst, seit du weißt, woher er kommt?



Über William Morris zu Burne-Jones


Edward Burne-Jones und William Morris im Garten, Burne-Jones lehnt hinter einer Holzbank, Morris sitzt mit verschränkten Armen davor, Schwarz-Weiß-Fotografie.
Edward Burne-Jones (links) und William Morris, 1890

Auf Burne-Jones bin ich über William Morris (1834–1896) gestoßen, mit dem er seit ihrer Studienzeit in Oxford eng befreundet war. Im Textildesign-Studium kommt man an Morris kaum vorbei, an „Strawberry Thief“ schon gar nicht, dem Stoff mit den Drosseln, die in seinem Garten die Erdbeeren stibitzten.


Burne-Jones zeichnete für Morris’ Werkstatt die Figuren der Glasfenster und Wandteppiche. Seine märchenhaften Bilder mag ich sehr, besonders die Dornröschen-Folge The Legend of Briar Rose, zu der Morris die Verse unter den Bildern schrieb. Von der „Tube im Gras“ habe ich erst bei der Recherche zu Braun erfahren.


Bildquelle: Wikipedia

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William Morris, Strawberry Thief, 1883


Bildquelle: Wikipedia Lizenz: gemeinfrei

Edward Burne-Jones, The Rose Bower

aus der Serie The Legend of Briar Rose, 1885–1890


Bildquelle: Wikipedia

Lizenz: gemeinfrei


Literaturtipps zum Weiterlesen


  • Victoria Finlay, Das Geheimnis der Farben. Eine Kulturgeschichte, Claassen 2003 (Taschenbuch bei Ullstein 2005). Eine Reise zu den Ursprüngen der Pigmente, halb Reportage, halb Kulturgeschichte. Finlay beginnt mit Ocker, Schwarz und Weiß und geht dann die Farben des Regenbogens durch; dabei begegnen ihr Purpurschnecken, Mumien und Schildläuse für Karminrot.


  • Kassia St. Clair, Die Welt der Farben, Hoffmann und Campe 2017. Kurze Porträts von 75 Farbtönen, darunter ein eigener Eintrag zu Mumienbraun. Gut zum Blättern und Wiederfinden.


Hinweis: Unbezahlte Werbung, die Buchempfehlungen sind persönliche Empfehlungen ohne Kooperation.



  • Georgiana Burne-Jones, Memorials of Edward Burne-Jones, 2 Bände, Macmillan, London 1904. Die Erinnerungen der Ehefrau mit der Gartenszene, Alma-Tademas Bericht und dem Gänseblümchen. Band 2 ist frei zugänglich im Internet Archive.

  • Rudyard Kipling, Something of Myself. For My Friends Known and Unknown, Macmillan, London 1937, Kapitel I „A Very Young Person“. Kiplings eigene Erinnerung an das Begräbnis der Tube in The Grange. Online bei der Kipling Society.

  • „Techniques: The Passing of Mummy Brown“, TIME, 2. Oktober 1964, S. 126. Die kurze Notiz über das Ende der Herstellung bei C. Roberson in London.

  • Hamilton Kerr Institute, Fitzwilliam Museum, „Charles Roberson & Co“, Universität Cambridge. Zur Geschichte des Londoner Farbenhändlers (1820–1985) und zu seinem Archiv mit Rezeptbüchern, Katalogen und Geschäftsbüchern.

  • Sally Woodcock, „Body Colour: The Misuse of Mummy“, The Conservator 20 (1996), S. 87–94. Fachaufsatz zu Handel, Herstellung und den technischen Schwächen des Pigments.

  • Philip McCouat, „The Life and Death of Mummy Brown“, Journal of Art in Society, 2013. Ausführlicher, frei lesbarer Überblick über die Geschichte der Farbe.

  • Beatrix Geßler-Löhr, „Mumia vera aegyptiaca im Abendland“, aus: Weg zur Unsterblichkeit. Mumien und Mumifizierung im Alten Ägypten, Naturmuseum Senckenberg, Frankfurt am Main 1995. Deutschsprachiger Überblick über Mumia als Arznei, mit der Merck-Preisliste von 1924.

  • Christa Kletter, „Arzneidroge ‚Mumia‘“, Drogensammlung des Departments für Pharmakognosie, Universität Wien. Kurzer Text zur Geschichte der Mumia als Arznei und zu ihren Fälschungen mit Leichenteilen, Asphalt und Harzen.

  • Art UK, „The corpse on the canvas: the story of mummy brown paint“. Zu Delacroix und dem Mumienbraun im Zusammenhang mit dem Salon de la Paix 1854.

  • Musée national Eugène Delacroix, „Delacroix in Paris“. Zur Ausmalung des Salon de la Paix im Pariser Rathaus und ihrer Zerstörung beim Brand von 1871.



Farbiger Streifen als Deko-Element.

Weiterführende Artikel:


Das Logo der Farb-Anekdote, ein Kreis aus vielen bunten Farbfeldern.

Dieser Artikel ist Teil der Artikelserie „Farb-Anekdoten: Wenn Farben Geschichten erzählen“. Alle Beiträge der Reihe findest du hier.



Ein grüner Kanarienvogel steht auf einer Schaumblase, daneben der Schriftzug „Farbe ins Grau“ und der Hashtag #farbkreisreise.


Der Text gehört zur Farbe Braun innerhalb der Farbkreisreise im Oktober 2026. Informationen zu den monatlichen Themen und Aktionen findest du dort.




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