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Neonliebe: Vom Stirnband zum Leuchtgarn

Neonfarben in transparenten Schichten, von Gelb über Pink bis Blau übereinandergelegt, Aquarellcollage zum Thema Neonliebe von Susanne Heinen.

Neonfarben haben mich schon immer fasziniert, im Textildesign, in Kombination mit gebrochenen Farben und beim gestalterischen Einsatz in Collagen. Diese Neonliebe reicht weit zurück. Für diesen Artikel bin ich ein bisschen zurückgereist und habe geschaut, wo ich Neonfarben eigentlich zum ersten Mal begegnet bin. Das ist schon über vierzig Jahre her. Losgelassen hat mich das Leuchten seither nie und vieles ist mir erst beim Schreiben wieder richtig bewusst geworden. Genau diese Erinnerung führt mich jetzt zum Gelbgrün dieses Monats in der Farbkreisreise, und aus ihr ist auch die Aktion „Neongrün trifft …“ entstanden.


Es ist eine kleine Zeitreise und bestätigt mich wieder in der Haltung, dass Farberinnerung eine überraschende Tiefe hat. Geht man ihr auf die Spur, öffnen sich wie von selbst all die verschlossenen Schubladen im Gehirn, wo man so manchen Schatz bergen kann.



Der große Neon-Boom


Mitte der 1980er war ich ungefähr zwölf Jahre alt, und Neon erlebte gerade seine große Zeit. Wir trugen alle Stirnbänder und Schweißbänder in grellen Farben, meistens mehrere Neonfarben gleichzeitig.


Neonfarbene Stirnbänder, Schweißbänder und Haargummis der 1980er Jahre in Pink, Grün und Orange.
In den 1980er Jahren war das keine Verkleidung!

Auch in der Kleidung steckte überall Neon. Ziernähte, Seitenstreifen an Hosen oder der damals gängige Blouson, alles in Neontönen. Mit zwölf war das einer der ersten Trends, die ich bewusst wahrgenommen habe. Woher der Neontrend eigentlich stammte, verstand ich erst später. Zu mir kam er über die damaligen Jugendzeitschriften wie „Bravo“* und „Popcorn“*.


Die leuchtenden Farben selbst waren jedoch nicht neu. Erfunden hatten sie zwei Brüder, Bob und Joe Switzer*, in den 1930er Jahren in Kalifornien.




Bob Switzer zog sich bei einem Ferienjob einen Schädelbruch zu, der auch den Sehnerv traf. Monatelang musste er danach im Dunkeln liegen, um seine Augen zu schonen. Sein Vater, ein Apotheker, richtete im Keller ein Fotolabor ein, und dort, bei UV-A-Licht, umgangssprachlich Schwarzlicht, entdeckten Bob und Joe gemeinsam die ersten fluoreszierenden Farben, aus denen später die Marke Day-Glo* wurde.



Zum Massentrend wurde Neon erst, als sich die Fitnesswelle mit der Popkultur verband. Jane Fondas Workout-Video von 1982 und der Film „Flashdance“ ein Jahr später machten die knallige Trainingsmode zum Alltagsbild. Von dort wanderte das Leuchten weiter in Accessoires und Wohndeko.


Manches sah wirklich verboten aus, aber rückblickend ist es ein schönes Stück Zeitgeschichte, das ich gern miterlebt habe. Bei mir wurde diese Phase etwa zwei Jahre später von dunkleren Tönen abgelöst, konsequenterweise in Schwarz, denn durch MTV* wurde meine Welt plötzlich größer. Bands wie The Cure* und Sisters of Mercy* ließen mich den Mainstream hinter mir lassen. Ich war also gar nicht lange bei dieser schreienden Buntheit, bevor dann all die Farbsünden kamen, die Ende der 80er und Anfang der 90er noch folgen sollten.



Die Jagd nach dem Leuchten


Neon und Fluoreszierendes tauchten erst später in meinem Textildesignstudium wieder auf. Vor allem im Fach Darstellungstechnik wurden wirklich alle verfügbaren Farben, Stifte und Folien einzeln als Farbfeld aufgetragen und miteinander verglichen. Das war ein riesiger Aufwand und teuer dazu, weswegen wir im Designstudiengang oft die rein theoretischen Studiengänge beneideten, wo man nicht mehr als einen Kugelschreiber und einen Block brauchte. Wir alle hatten Nebenjobs, um die neuesten Materialien zu bekommen, sei es in Bezug auf Farben, aber auch auf ungewöhnliche Garne für unsere Projektarbeiten. Wir waren quasi auf der Jagd nach Sonderfarben, Neontönen, irisierenden Farben, Metallicfarben und nachtleuchtenden Farben.


Mit der Zeit merkte ich, dass es nicht nur die Farben waren, die mich anzogen. Es war alles, was einem Material mehr gab als reine Oberfläche. Es sollte leuchten, schimmern, sich verändern. So kamen zu den Farben die Garne, die Druckfarben und die Veredelungstechniken.

Textilproben mit schillernden Metallicgarnen und plastischen Gewebestrukturen in Grün, Pink und Schwarz.

Besonders die Firma Lurex* hatte da Pionierarbeit geleistet, mit Aluminium bedampfte Garne, die schon seit den Sechzigern in Abendmode und Bühnenkostümen schillerten. Diese Garne nun im Bereich Heimtextilien einzusetzen, in Möbelstoffen und Dekogeweben statt in Cocktailkleidern, das war neu. Mich faszinierten sowohl die Beschaffenheit der Garne als auch die experimentellen Möglichkeiten, daraus völlig neuartige Stoffe zu erschaffen.



Beinahe Japan


Genau solche Garne und Veredelungen führten mich mitten im Studium zu einem Gedanken, der mich lange beschäftigte: einem Auslandssemester in Japan. Dort entstanden damals durch chemische Ausrüstung außergewöhnlich plastische Dekostoffe, Oberflächen fast wie ein Relief. Dazu kamen schillernde Metallictöne, fluoreszierende Garne, die auch in der Weberei eingesetzt wurden, und Schrumpftechniken, bei denen aufgedruckte Farben den Stoff partiell zusammenzogen. Genau diese Veredelungen zogen mich an und es gab damals in Europa nichts Vergleichbares. Man muss sich auch die schneckenpostartige Verbreitung solcher Neuheiten vor Augen halten: Was heute einen Mausklick entfernt ist, hat damals einen Bericht in einer Fachzeitschrift benötigt.


Da ich bereits eine abgeschlossene Ausbildung zur Textilmustergestalterin der Fachrichtung Gewebe hatte, wurde mir das Praxissemester erlassen. Ich konnte es frei planen, ohne an Studienrichtlinien gebunden zu sein. Die Auslandsstelle meiner Fachhochschule unterstützte mich auf dem Weg nach Japan, und ich war schon weit gekommen, bis hin zu einem Stipendium für den Aufenthalt. Im letzten Moment machte ich dann doch einen Rückzieher. Japanisch zu lernen war damals kaum möglich. Sprachkurse gab es, wenn überhaupt, nur an vereinzelten Unis, die Japanologie als Studiengang hatten. Englisch wiederum war in Japan zu jener Zeit wenig verbreitet, und gerade in den kleinen Betrieben und Webereien, die mich interessierten, sprach kaum jemand Englisch. Dazu kam alles andere, das Wohnen, das Leben so weit weg von zu Hause. Zur Erinnerung, wir sprechen von einer Zeit ohne Handy und ohne Internet. Ich war zweiundzwanzig, und an diesem Punkt verließ mich der Mut.


Mein Interesse an diesen Techniken und Garnen blieb aber ungebrochen, und in genau dieser Zeit entstand in Japan Wegweisendes. 1993 entwickelten Forscher bei Nemoto & Co.* in Tokio ein nachleuchtendes Material auf Basis von Strontiumaluminat, das nach dem Aufladen viele Stunden lang hell in der Dunkelheit leuchtet.


Leuchtgarn in der Diplomarbeit


Das Thema ließ mich jedoch nicht los. Die fluoreszierenden Garne, die Neonfarben und die lichtleitenden Garne behielt ich im Hinterkopf. Um das Jahr 1999 griff ich in meiner Diplomarbeit einiges davon wieder auf. Sie hieß „Sui Generis“ (von eigener Art) und arbeitete fast ausschließlich mit zwei Garnwelten. Auf der einen Seite „Fluidum“ (das Fließende): weiße, transparente, irisierende und fluoreszierende Garne, alles, was Licht aufnimmt und zurückgibt. Auf der anderen „Novum“ (das Neue): dunkle, graue und schwarze Metallic- und Lurexgarne, matt und schwer, wo die helle Gruppe leuchtete. Genau das Lurexgarn, das mich schon im Studium fasziniert hatte, fand hier seinen Platz.


Meine Diplomarbeit wurde sehr experimentell und entstand auf Rundstrickmaschinen, die man damals fast ausschließlich für Kleidung einsetzte. Ich entwickelte daraus Möbel- und Dekostoffe, gestrickt aus ungewöhnlichen Garnen und in ungewöhnlichen Strukturen. So holte ich ein Stück von dem nach, was ich in Japan gern gelernt hätte, und übersetzte es in meine eigene Technik.


Diese speziellen Garne leuchten auf sehr unterschiedliche Weise:


Nachleuchtendes grünes Garn und Pigmentpulver im Dunkeln, darunter Neongarne und Metallicgarne auf Spulen.
Solche fluoreszierenden und nachleuchtenden Garne verarbeitete ich in meiner Diplomarbeit.
  • Ein neonfarbener Faden leuchtet schon bei Tageslicht besonders intensiv.


  • Ein fluoreszierender Faden strahlt nur unter Schwarzlicht.


  • Ein nachleuchtender Faden lädt sich am Licht auf und glüht danach im Dunkeln weiter.


  • Ein lichtleitender Faden leuchtet gar nicht selbst, er führt Licht von einer Quelle durch seinen Kunststoffkern und lässt es an den Enden austreten, so wie in den kleinen Faserlampen mit den leuchtenden Büscheln.


Eine kleine Ufolampe mit genau solchen Leuchtfäden besaß ich damals natürlich auch, und dieses lichtleitende Garn wollte ich unbedingt in meine Diplomarbeit holen.


Leuchtende Glasfaserlampe mit farbig glühenden Lichtfasern, eine sogenannte Ufolampe.
So eine Ufolampe besaß ich damals. Das sanfte Glimmen dieser Lichtfasern wollte ich unbedingt in Stoff übersetzen.

Vor Augen hatte ich das sanfte Glimmen dieser Lampen. Den changierenden Farbwechsel fand ich unglaublich schön, und genau das wollte ich in Möbel- und Dekostoffe übersetzen, die den Wohnraum ebenso leicht illuminieren.


Es gelang nicht, denn im Rundstricken war der Faden für die maschinelle Strickbewegung zu steif.


In der Weberei testete ich das Material ebenfalls. Dort scheiterte es an den technischen Möglichkeiten der Zeit. Damit ein Gewebe leuchtet, muss das Licht seitlich austreten können, und dafür hätte die Oberfläche angeraut werden müssen. Das war maschinell in der Ausrüstung damals nicht machbar.





Ein Glühen in Gelbgrün


Passenderweise führt mich das nachleuchtende Garn zurück zu diesem Monat in der Farbkreisreise zum Thema „Gelbgrün“. Das klassische Nachleuchtpigment, wie es auch in Sicherheitsschildern und Uhrenzeigern eingesetzt wird, leuchtet gelbgrün, genau der Ton, um den sich dieser August dreht.


Vier grün nachleuchtende Anwendungen im Dunkeln, Lichtfaser, Notausgangsschild, Uhrzifferblatt und Glasfaserbündel.
Dasselbe nachleuchtende Pigment, das Sicherheitsschilder, Uhrenzeiger und Lichtfasern im Dunkeln glühen lässt.
Glühwürmchen mit gelbgrünem Leuchten im nächtlichen Gras, Glühwürmchen-Grün.


Gelbgrün ist für mich dieses Nachglimmen, dieses Glühwürmchengrün, ein Leuchten, wenn das Licht ausgeht.







Fünf leuchtende Neonfarbpunkte in Gelb, Orange, Pink, Grün und Blau.


Meine Neonliebe heute


Neonfarben setze ich bis heute sehr gern ein. Was mich dabei immer wieder fesselt, ist, wie sehr ein Neonton von seiner Nachbarfarbe beeinflusst wird. Neongrün neben einem gedeckten, schlammigen Grau erzählt etwas anderes als dasselbe Neongrün neben einer zweiten Neonfarbe. Genau in dieser Spannung liegt für mich die Besonderheit dieser Farben. Neon ist deshalb nie nur ein lauter Farbton, denn interessant wird es dort, wo Neon auf eine Nachbarfarbe trifft, die ihm widerspricht.

Fünf ineinanderfließende Neon-Aquarellfarben von Gelb über Pink bis Blau.
Fünf Neontöne, und dazwischen überall neue. Kein Ton bleibt für sich.

Heute stehen mir Materialien zur Verfügung, von denen ich früher nur träumen konnte: Neon-Aquarellfarben und Neon-Acrylfarben, die sich zusammen mit besonderen Papieren zu immer neuen Kombinationen fügen. Das Leuchten, das vor über vierzig Jahren mit einem Stirnband begann, ist nie verschwunden. Es hat nur seine Form verändert.



Die Neon-Aktion „Neongrün trifft ...“


Genau diese Faszination steckt auch in der Neon-Aktion, die ich jetzt mit dir teilen möchte. Im August lasse ich Neongrün auf eine zweite Farbe treffen. Welche das ist, bestimmst du selbst, über eine Zahl, hinter der sich eine Farbe verbirgt. Aus diesen beiden Farben entsteht dann eine kreative Aufgabe, die auslotet, was passiert, wenn Neongrün auf einen ganz anderen Farbpartner trifft.


Ich bin gespannt, welche Farbe sich hinter deiner Zahl verbirgt und was daraus entsteht. Manchmal braucht eine Farbe genau das richtige Gegenüber, um zu zeigen, was in ihr steckt.


Moodboard in Neongrün und Schwarz mit Farbkreisen, Garnproben, Collagen und Aquarellflächen aus der künstlerischen Praxis von Susanne Heinen.
Aus meiner Arbeit mit Neongrün und gebrochenen Tönen, Garne, Farbkreise, Collagen, alles nebeneinander.

Die Aktion findet ausschließlich in meinem Newsletter statt. Gestartet ist sie am 19. August 2026 und läuft noch bis zum 15. September 2026. Wenn du erst jetzt dazustößt, ist das kein Problem. Melde dich einfach an, du bekommst dann den Aktions-Newsletter mit allen Informationen und deiner Farbkombination von mir zugeschickt. Alles kommt direkt per Mail.




Hier im Slider siehst du die Aktion so, wie ich sie bei Instagram angekündigt habe.



Fünf leuchtende Neonfarbpunkte in Gelb, Orange, Pink, Grün und Blau.


Die Geschichten hinter dem Leuchten


Wer mehr über die Erfindung von Day-Glo und die Brüder Switzer lesen möchte, wird beim Smithsonian Magazine* fündig. Die Geschichte des nachleuchtenden Pigments, seiner Erfinder bei Nemoto und des Patents von 1994 ist auf Wikipedia unter dem Namen Lumibrite* nachzulesen. Wer nachlesen möchte, dass dieses Pigment gelbgrün leuchtet und worauf es beruht, findet die Angaben bei den Produktinformationen von GBC Speciality Chemicals*.

Hinweis: *Markennennung, unbeauftragt und unbezahlt. Die genannten Firmen und die verlinkten Seiten stehen in keiner Verbindung zu mir und haben für die Nennung nicht bezahlt.

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