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„Das erste Grün“ – Warum Grün zur Farbe der Hoffnung wurde

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Grüne Pflanzentriebe wachsen aus einem Riss in einer Betonmauer, darüber das eingeprägte Wort GRÜN.

„Grün ist die Farbe der Hoffnung“, sagt man … Ein Satz, der fast wie ein Sprichwort klingt, vertraut und oft nur beiläufig gesagt. Kaum eine andere Farbe ist so eng mit Bildern des Lebens verbunden. Grün steht für Natur und Wachstum, für Erneuerung, für das Gefühl, dass etwas weitergeht.

Anfang Juli habe ich im Rahmen meiner Blogparade „Die Farbe meiner Kindheit“ über mein Sommergrün geschrieben: über den Garten im Amselweg, das hohe Gras hinter dem Gartentürchen, den Geruch von feuchter Erde und Sommerwiese. Grün war damals einfach überall. So hat es sich gefügt, dass ich in diesem Jahr endlich den Artikel zur grünen Farb-Anekdote angehe, den ich aufgrund der vielen Fäden, die dort zusammenlaufen, immer aufs Neue verschoben habe.


Das Logo der Farb-Anekdote, rund mit buntem Kreis.

Auch in den fünf Jahren der Farbkreisreise® hat sich gezeigt, dass Grün eine Farbe ist, die besonders viele Menschen berührt. In dieser Farb-Anekdote möchte ich Grün als Farbe zwischen Sprache, Glauben und Dichtung erforschen und vor allem der Frage nachgehen, warum ausgerechnet sie zur Farbe der Hoffnung wurde.



Inhaltsverzeichnis:



Farbstreifen als Pinselspur als Trennung.


Die Wurzeln der Hoffnung: Warum Grün für Wachstum steht


Jede Ernte beginnt mit einem Menschen, der sät. Er hat den Boden bereitet, die Saat ausgestreut und sie mit Erde bedeckt. Nun steht er da, und von allem, was er getan hat, ist nichts mehr zu sehen. Doch unter der Erde beginnt etwas, das er nicht beobachten kann. Er kann die Saat pflegen, schützen und versorgen, aber er kann nicht erzwingen, wann der erste Keim erscheint.


Keimling auf Moos

Ein junger Keimling mit zwei Blättern wächst aus Moos, Sinnbild für Hoffnung und Wachstum.

Zwischen dem Moment des Säens und der Ernte liegt eine Zukunft, die noch unsichtbar ist. Man muss beobachten und darauf vertrauen, dass aus dem Verborgenen etwas wächst.


Wer sät, muss warten können. Vorher nahm der Mensch, was die Natur gerade gab. Jetzt legte er etwas in die Erde und musste auf eine Ernte hoffen, die Monate entfernt war.



Grüne Steine und alte Amulette: Was die Archäologie erzählt

Diese Verbindung von Hoffnung und Wachstum hat sich nicht nur in Wörtern erhalten, sondern auch in kleinen Dingen, die Menschen am Körper trugen. Solange Menschen als Jäger und Sammler durch die Landschaft zogen, fanden sich grüne Schmuckstücke nur selten. Erst mit dem Beginn des Ackerbaus tauchen grüne Perlen und geschliffene grüne Steine in archäologischen Funden auf. Sie wurden vermutlich als Amulette getragen, als Zeichen für Fruchtbarkeit und eine gute Ernte.


Beschrieben haben diesen Zusammenhang die Archäologin Daniella Bar-Yosef Mayer und die Geologin Naomi Porat. 2008 veröffentlichten sie ihre Untersuchung »Green stone beads at the dawn of agriculture« in den PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences). Die Arbeitsteilung der beiden erklärt einiges: Die Geologin bestimmte, aus welchem Mineral eine Perle besteht und woher der Stein stammt; die Archäologin las daraus, was der Fund über die Menschen erzählt, die ihn getragen haben.


Denn Schmuck trugen Menschen schon lange vorher: Perlen aus Muschel, Knochen und Elfenbein, in Weiß, Rot, Gelb, Braun und Schwarz. Mit dem Beginn des Ackerbaus kommen grüne Steine hinzu: Amazonit, Serpentin, Malachit und weiteres kupferhaltiges Gestein. Im Lauf der Zeit wurden diese Steine aus immer weiter entfernten Regionen herbeigeschafft. Allein dieser Aufwand spricht dafür, dass diese Materialien einen besonderen Wert besaßen.


Drei grüne Mineralien, roh und poliert, mit den Namen Amazonit, Serpentin und Malachit.
Grüne Steine, wie sie schon die ersten Bauern trugen: Amazonit, Serpentin und Malachit.

Die Farbe Grün wurde mit dem verbunden, was für das Überleben entscheidend war: mit dem Ergrünen junger Blätter, mit Wachstum und Erneuerung, mit der Hoffnung auf eine gute Ernte. Sicher wissen können wir das nicht, denn zwischen den Funden und ihrer Deutung bleibt eine Grauzone, die auch die Forschung nicht schließen kann.

Hoffnung und Aussaat sind demnach ungefähr gleich alt. Beide verbinden das eigene Handeln mit dem Vertrauen darauf, dass etwas wachsen wird.


Die Spur im Wort: Was „grün“ ursprünglich bedeutete


Wenn Hoffnung und Aussaat ungefähr gleich alt sind, stellt sich die Frage: Wie haben Menschen das, was sie erlebten, in Worte gefasst? Die ersten deutschen Wörter, die aufgeschrieben wurden, standen am Rand von Büchern. Mönche trugen sie ab dem 8. Jahrhundert in lateinische Handschriften ein, zwischen die Zeilen und an die Ränder, als Lesehilfe für sich selbst, immer dann, wenn ein lateinisches Wort schwer zu verstehen war.


Eine Handschriftenseite der Gesta Danorum um 1200, mit kleineren Einträgen am Rand und zwischen den Zeilen, den Glossen.
Marginalglossen am Rand und Interlinearglossen zwischen den Zeilen, in einem Fragment der Gesta Danorum von Saxo Grammaticus, um 1200.

Eigenständige deutsche Texte gab es damals kaum. Die Überlieferung des Deutschen beginnt mit einzelnen Wörtern in fremden Büchern. Manche dieser Glossen wurden nicht einmal mit Tinte geschrieben. Sie sind farblos ins Pergament geritzt, mit dem Griffel, und nur im streifenden Licht zu erkennen, als Schatten in den Rillen.


War der Griffel spitz genug, drückte sich die Schrift bis auf die nächste Seite, wo sie heute noch als Abdruck zu erkennen ist. Geisterglossen heißen sie in der Forschung.


Bildquelle: wikipedia

Lizenz: gemeinfrei


  • Eine Glosse ist ein Erklärungswort. Im frühen Mittelalter trugen Mönche solche Wörter in lateinische Handschriften ein, zwischen die Zeilen oder an den Rand, immer dort, wo ein lateinischer Ausdruck schwer verständlich war. Das älteste überlieferte Deutsch besteht großenteils aus solchen Einzelwörtern.

  • Ein Griffel ist ein Schreibgerät, wie man es von den Wachstafeln der Antike kennt. Er war immer zur Hand, anders als Feder und Tinte, und eignete sich deshalb für schnelle Notizen. Mit Feder und Tinte geschriebene Glossen heißen Federglossen. Griffelglossen wurden ohne Tinte ins Pergament geritzt und sind farblos. Das Wort lebt bis heute in anderen Bedeutungen fort. In der Botanik heißt ein Teil der Blüte Griffel, und salopp nennen wir sogar die Finger so, daher der Ausspruch „Nimm deine Griffel weg“.


Aus dieser Zeit stammt auch der erste Beleg für „gruoni“, ein Wort, das mit dem Verb „gruoen“ verbunden ist: wachsen, sprießen, gedeihen. Die Spur dieses Wortes führt noch weiter zurück: zu einer indogermanischen Wortwurzel, *gʰreh₁-, „wachsen, grün werden“. Aus ihr stammt auch das Gras. Grün und Gras gehen im Ursprung auf dasselbe Wort zurück.

  • In der Sprachwissenschaft kennzeichnet ein Sternchen (*) eine rekonstruierte Form. Sie wurde nicht in einer alten Schriftquelle gefunden, sondern aus dem Vergleich verwandter Wörter erschlossen.

  • Der Strich am Ende (-) zeigt, dass es sich um eine Wortwurzel oder einen Wortstamm handelt, nicht um ein vollständiges Wort. Die Schreibweise *gʰreh₁- ist also keine überlieferte Vokabel, sondern eine erschlossene sprachliche Grundform.

  • Das ¹ hinter dem h steht für einen sogenannten Kehllaut, einen Laut der Ursprache, dessen genaue Aussprache nicht sicher bekannt ist.

  • Sprachwissenschaftler unterscheiden mehrere davon und nummerieren sie: h₁, h₂, h₃.


Vom Pigment zum Gras: Grün ist im Wort schon Bewegung.
„Grün, vom Pigment zum Gras“, 2026 © Susanne Heinen

Ursprünglich meinte „gruoni“ also weniger eine Farbe als eine Bewegung: das Sprießen, das Hervorwachsen. Erst nach und nach verengte sich das auf die Farbe der Pflanzen und besonders der jungen Triebe. Das Wort beschreibt zuerst das Wachsen und erst danach das, was man dabei sieht.


Das Verb „gruoen“ ist später aus dem Deutschen verschwunden. Im Englischen lebt es weiter, als „to grow“. Etwas davon hat sich aber auch bei uns gehalten: Wenn wir sagen, dass etwas grünt, sprechen wir vom Austreiben.


Ein Zweig grünt, weil er lebt.
Ein Zweig mit frisch austreibenden grünen Blättern.
„Grünen heißt wachsen“, 2026 © Susanne Heinen


Die Grünkraft: Hildegard von Bingen und die Viriditas

Das Wachsen, das bereits im Wort „Grün“ steckt, wurde im 12. Jahrhundert zum zentralen Gedanken einer außergewöhnlichen Frau.


viriditas (grünes Blatt mit Lichtadern). Ein grünes Blatt, von leuchtenden Adern durchzogen, als Bild für Hildegards Grünkraft.
Viriditas, die Grünkraft.

Hildegard von Bingen, Äbtissin, Heilkundige und Komponistin, sprach von der viriditas, der Grünkraft. Sie meinte damit eine Kraft, die alles Lebendige durchzieht: Menschen, Tiere und Pflanzen, aber auch die gesamte Schöpfung. Dieselbe Kraft, die im Frühjahr die Bäume austreiben lässt, wirkt nach ihrer Vorstellung auch im Menschen, und wo sie strömt, ist Heilung möglich.


ariditas (kahler Baum, dürre Erde). Ein kahler Baum auf trockener, rissiger Erde, als Bild für die Dürre.
Ariditas, die Dürre.

Für den umgekehrten Zustand hatte sie ein zweites Wort: ariditas, die Dürre. Sie stellt sich ein, wenn die Grünkraft nicht mehr fließt. Ein Mensch in der Ariditas ist ausgetrocknet und erschöpft. Bemerkenswert konkret wird Hildegard von Bingen bei der Frage, was die Grünkraft schwächt: eintönige Tätigkeit. Und was sie zurückbringt, ist ebenso schlicht und einfach umzusetzen. Man soll hinausgehen, sich in der Natur aufhalten, gehen, entdecken, lauschen.



Grün als Farbe der Hoffnung: Von der Liturgie zu Opitz


Diese Idee einer inneren Grünkraft ließ sich später auch in der kirchlichen Ordnung wiederfinden und wurde sogar zur Regel. Seit 1570 sind die liturgischen Farben festgelegt, und Grün gehört der Zeit im Jahreskreis, den gewöhnlichen Sonntagen und Werktagen ohne eigenes Fest. Die Hochfeste tragen Weiß, das Grün bleibt dem Alltag.


Grün ist damit die Farbe der gewöhnlichen Tage. In der evangelischen Tradition heißt es für diese Zeiten: die Farbe der aufgehenden Saat. Wenig später ordnete auch die Dichtung den Farben ihre Bedeutungen zu. Martin Opitz legte 1624 in seinem „Buch von der Deutschen Poeterey“ die Regeln der neuen deutschen Dichtkunst fest. Um diese Zeit entstand auch sein Gedicht „Bedeutung der Farben“. Zwölf Farben erhalten darin ihren eigenen Sinn: Weiß steht für die Reinheit, Schwarz für die Betrübnis, Gelb für das Ende aller Gunst.

Am Schluss steht das Grün, und mit dem Grün die Hoffnung. Es ist die einzige Farbe, bei der Opitz von sich selbst spricht.

Gemälde des Dichters Martin Opitz in schwarzer Kleidung mit weißem Kragen, um 1637.
Martin Opitz, Porträt von Bartholomäus Strobel, 1636/1637

Er schreibt, dass er gerade diese Farbe gebrauche und sich daran sein eigener Zustand ablesen lasse. Entstanden ist das Gedicht mitten im Dreißigjährigen Krieg, der von 1618 bis 1648 tobte.


Opitz starb 1639 in Danzig an der Pest, mit einundvierzig Jahren, während die Seuche durch die Stadt zog. Der Mann, der das Grün zur Hoffnung erklärte, hat den Frieden nicht mehr erlebt.

Bildquelle: wikipedia

Lizenz: gemeinfrei

„Neues Leben blüht aus den Ruinen“: Schillers Wilhelm Tell

Die Idee, dass Hoffnung grünt, taucht auch bei einem anderen Dichter noch einmal auf, diesmal als Hoffnung auf politische Freiheit. Am eindrücklichsten hat wohl Friedrich von Schiller die Hoffnung grünen lassen. Auch bei ihm steht sie gegen den Untergang, knapp zweihundert Jahre nach Opitz.


Aufgeschlagene Erstausgabe von Schillers Wilhelm Tell von 1804 mit einer Illustration Tells.
Darstellung Tells in der Erstausgabe von Schillers Drama (1804)

In Schillers Wilhelm Tell liegt der alte Freiherr von Attinghausen im Sterben, und die Umstehenden halten ihn bereits für tot. Doch dann erfährt er, dass die Bauern einen Bund geschworen haben, aus eigener Kraft, ohne die Hilfe des Adels.


Bildquelle: wikipedia

Lizenz: gemeinfrei


Ein Bogenschütze mit Kapuze, im Profil und in kubistisch-facettiertem Stil ganz in Grüntönen dargestellt, spannt seinen Bogen; im Vordergrund wachsen kleine grüne Pflanzentriebe.
„Schütze und junges Grün“, © Susanne Heinen

Diese Nachricht richtet ihn noch einmal auf. Er legt die Hand auf den Kopf des Kindes, das vor ihm kniet. Es ist Walther Tell, der Junge, auf dessen Kopf der Apfel gelegen hatte. Dann spricht er:


»Aus diesem Haupte, wo der Apfel lag,

Wird euch die neue bessre Freiheit grünen,

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,

Und neues Leben blüht aus den Ruinen.«

(Wilhelm Tell, 4. Aufzug, 2. Szene)

Danach fällt er in die Kissen zurück und stirbt. Die Freiheit, die er kommen sieht, wird ohne ihn wachsen.


Den Ausspruch „Grün ist die Hoffnung“ hat Schiller nicht erfunden. Der Satz ist ein Sprichwort ohne festen Anfang, und den Gedanken dahinter hatte schon der Barockdichter Opitz zu Papier gebracht. Warum ausgerechnet Grün? Weil frisches Grün die Erwartung auf die Blüten weckt, die noch kommen.

Werner von Attinghausen ist ein alter Schweizer Freiherr, ein Vertreter der alten Ordnung. Sein Leben lang stand die Zukunft beim Adel. Am Ende begreift er, dass sie woanders liegt: bei den Menschen, die sich selbst für ihre Freiheit einsetzen.


Was ihn im Sterben aufrichtet, ist gerade dies. Die Bauern der Waldkantone haben sich gegen die Habsburger verbündet, aus eigener Kraft, ohne den Adel. Die neue Freiheit wächst nicht aus der alten Macht, sondern aus der nächsten Generation.


Zu ihr gehört der junge Walther Tell. Auf seinen Kopf hatte der Landvogt Gessler einst den Apfel legen lassen, den sein Vater herunterschießen musste. Dasselbe Kind, das eben noch Zielscheibe war, wird für den sterbenden Freiherrn zum Bild der Zukunft.


Ein roter Apfel, von einem Pfeil durchbohrt, Anspielung auf die Apfelschussszene.


Das andere Grün: die Farbe der Unreife


Doch Grün ist nicht nur die Farbe der Hoffnung und des Neubeginns. Es trägt auch andere Bedeutungen in sich, ältere und alltäglichere. Grün ist auch die Farbe des Anfangs und der Unerfahrenheit.

Ein junger Vogel im Nest, Sinnbild für den unerfahrenen „Grünschnabel".


Ein Grünschnabel zum Beispiel ist jemand, der noch am Anfang steht. Junge Nestvögel haben an der Schnabelwurzel eine weiche, gelbgrüne Haut, die sie als eben geschlüpft verrät. Früher hieß so einer Gelbschnabel, seit dem 18. Jahrhundert Grünschnabel, weil Grün das Unreife noch besser trifft.


Ein Ohr mit grünem Farbkreis, Anspielung auf die Redensart „grün hinter den Ohren".


„Grün hinter den Ohren“ meint dasselbe. Die genaue Herkunft dieser Redewendung ist nicht eindeutig geklärt, aber das Bild verbindet Grün mit etwas Jungem, Frischem und noch nicht Ausgereiftem.


Schweinfurter Grün: leuchtend und giftig


Grün hat auch eine dunkle Geschichte. Um 1805 entstand ein leuchtendes Pigment aus Kupfer und Arsen, das Menschen krank gemacht hat. Als die industrielle Herstellung damals in der Farben- und Bleiweißfabrik von Wilhelm Sattler in Schweinfurt begann, erhielt es den Namen Schweinfurter Grün. Rund achtzig Handelsnamen sind bekannt.


Schweinfurter Grün war leuchtend, frisch und fast überirdisch schön. Wie gefährlich es war, sah man ihm nicht an. Es leuchtete bei Tageslicht wie bei Kerzenschein, und es wurde zur Mode: Tapeten, Kleider, Teppiche, Ballsäle, Kerzen, sogar Zuckerwerk.


1839 warnte die Regierung von Unterfranken vor Zimmeranstrichen und Tapeten mit diesem Pigment. Fünf Jahre später zeigte der Merseburger Arzt  Carl von Basedow, wie die Vergiftung zustande kommt: Ein Schimmelpilz löst aus der leimgebundenen Farbe Arsenverbindungen, die man einatmet. Die Wand vergiftet den Raum, ohne dass jemand sie berühren muss.


Vincent van Goghs Selbstbildnis von 1888 vor einem Hintergrund aus Schweinfurter Grün.
Vincent van Gogh, Selbstporträt, Paul Gauguin gewidmet, 1888, Fogg Museum, Cambridge MA. Der Hintergrund ist in Schweinfurter Grün gemalt.

Trotzdem blieb die Farbe begehrt, auch dort, wo man es am wenigsten vermutet. Ihre Leuchtkraft und ihr besonderer Ton waren einmalig, und so griffen die Maler zu ihr. Monet, Manet, Gauguin und Van Gogh haben mit Schweinfurter Grün gearbeitet.

Van Gogh malte 1888 den Hintergrund seines Selbstbildnisses für Gauguin in diesem Grün. Was an der Wand tötete, leuchtete auf der Leinwand. Bildquelle: wikipedia

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Eine leuchtend grüne Wand, von der rechts die Farbe abblättert und ein altes Tapetenmuster sowie rostige, fleckige Stellen freilegt.

Erst spät zog der Staat die Grenze. 1882 wurde Schweinfurter Grün im Deutschen Reich als Farbstoff verboten, ab 1887 galt das Verbot auch für wässrige Bindemittel und für Pastellkreiden.


Ganz verschwunden ist es bis heute nicht. Im 19. Jahrhundert steckte das Pigment auch in Bucheinbänden, in Buchschnitten und in kolorierten Illustrationen, und seit Anfang 2024 haben mehrere Universitätsbibliotheken ihre Bestände aus dieser Zeit gesperrt, um sie auf Arsen zu prüfen.


Wenn Hoffnung nicht sichtbar ist


Auch wenn die Geschichte von Grün so unterschiedliche Facetten zeigt, am Ende bleibt die Frage: Was bedeutet Hoffnung eigentlich dann, wenn sie nicht sichtbar ist?


Jeder Mensch kennt solche Zeiten im Leben: Phasen, in denen wenig sichtbar wächst und man nicht weiß, was unter der Oberfläche geschieht. In solchen Momenten kommen oft die Sätze, die es gut meinen: Kopf hoch, das wird schon, bleib zuversichtlich. Sie klingen, als ließe sich Hoffnung beschließen, als wäre sie eine Haltung, die man nur fest genug einnehmen müsste.


Doch Hoffnung funktioniert anders. Wie ein Same in der Erde braucht auch sie Zeit, Schutz und Bedingungen, unter denen Neues entstehen kann. Hildegard von Bingen beschrieb mit der viriditas eine Kraft, die alles Lebendige durchströmt.

Ein einzelner Keimling wächst aus dem Boden, darunter der Erdquerschnitt mit der Wurzel.
Keimende Hoffnung, 2026 © Susanne Heinen

Geschwächt wird sie durch Starre und Eintönigkeit, zurückkehren kann sie durch Bewegung, Begegnung und die Verbindung mit der Welt um uns herum.


Wenn man durch solche Zeiten geht, lässt sich Hoffnung nicht einfach herstellen oder erzwingen.


Es bleibt, was auch dem Säenden bleibt: pflegen, schützen, versorgen, auch wenn oben noch nichts zu sehen ist.





Zum Schluss: Ein Grün für dich

Vielleicht fällt dir heute nach dem Lesen dieses Artikels ja ein besonderes Grün auf: Moos in einer Mauerritze, das Blatt einer Zimmerpflanze, ein Grünstreifen an der Straße. Vielleicht bleibst du einen Moment davor stehen und merkst, worauf du gerade hoffst, ohne es bisher jemandem gesagt zu haben. Beantworten musst du das nicht. Manchmal genügt es, dass die Frage da ist.


Ein grüner Farbstreifen in verschiedenen Grüntönen.
Der grüne Faden · Verbindung · Hoffnung · Möglichkeit, 2026 © Susanne Heinen

Literatur zu Grün und zur Farbe der Hoffnung


  • Michel Pastoureau, Alle unsere Farben. Eine schillernde Kulturgeschichte, Wagenbach 2023. Kurze, persönliche Kapitel zur Kulturgeschichte der Farben, darunter Grün, mit seinem alten Ruf als Unglücks- und Giftfarbe und seiner Rolle als Farbe von Glück und Hoffnung.


  • Byung-Chul Han, Der Geist der Hoffnung, Ullstein 2024, mit Bildern von Anselm Kiefer. Ein schmaler philosophischer Essay, der Hoffnung vom Optimismus abgrenzt und sie als Haltung beschreibt, die sich nicht erzwingen lässt.


  • Lucinda Hawksley, Gefährlich schön. Giftige Tapeten im 19. Jahrhundert, Gerstenberg 2018. Die Geschichte des arsenhaltigen Schweinfurter Grüns, reich bebildert mit 275 Tapetenmustern aus dem britischen Staatsarchiv, alle im Labor auf Arsen getestet.


  • Kassia St Clair, Die Welt der Farben, Hoffmann und Campe 2017. Ein Lesebuch, das 73 Farben und die Geschichten hinter ihnen versammelt, von Avocado bis Himmelblau.


Hinweis: Unbezahlte Werbung, die Buchempfehlungen sind persönliche Empfehlungen ohne Kooperation.


Farbiger Streifen als Deko-Element.

Weiterführende Artikel:


Das Logo der Farb-Anekdote, ein Kreis aus vielen bunten Farbfeldern.

Dieser Artikel ist Teil der Artikelserie Farb-Anekdoten: Wenn Farben Geschichten erzählen“. Alle Beiträge der Reihe findest du hier.



Ein grüner Kanarienvogel steht auf einer Schaumblase, daneben der Schriftzug „Farbe ins Grau“ und der Hashtag #farbkreisreise.


Der Text gehört zur Farbe Grün innerhalb der Farbkreisreise im Juli 2026. Informationen zu den monatlichen Themen und Aktionen findest du dort.




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