„Sommergrün“: Die Farbe meiner Kindheit
- Susanne Heinen

- vor 1 Tag
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 7 Stunden

Als mir die Idee zu meiner Blogparade „Die Farbe meiner Kindheit“ kam, war es tatsächlich ein Geräusch, das mich an mein junges Ich vor etwa 45 Jahren erinnerte. Es waren die Grillen, die in diesen heißen Juninächten bei Anbruch der Dunkelheit unglaublich laut vor sich hinzirpten. Dieses Geräusch und der Geruch von aufgeheiztem Boden haben mich zurückgetragen in die Sommer meiner Kindheit, zu den Rasensprengern und den kleinen Regenbögen, die in ihren Wassertropfen über der Wiese standen, all das direkt hinter unserem Haus.

Meine Eltern und ich sind Ende der Siebziger in eine Reihenhaussiedlung direkt an den Stadtrand gezogen. Stadtrand konnte man damals noch wörtlich nehmen, denn hinter den Häusern kamen nur Wiesen und Felder und lange nichts. Wir wohnten im Amselweg, und als Kind war ich sicher, die Straße hieß so, weil dort die Amseln wohnten.

Hinter unserem Haus fiel der Garten in drei Stufen zum Feld hin ab. Die Häuser standen an einem Hang, jedes mit so einem schmalen, gestuften Garten nach hinten. Bei uns war oben direkt an der Terrasse eine Rasenfläche, satt und dicht, viele Blumenkästen mit den obligatorischen roten Geranien und eine Rankpflanze mit Blättern, so groß, dass im Sommer haarige Raupen darauf saßen. Ich war sechs, sieben Jahre alt, und alles war größer als ich.
Besonders die Raupen hatten es mir angetan, und manche bekamen von mir ein eigenes Häuschen, das ich in den Schatten der Hecke stellte. Natürlich mit offenen Fenstern und Türen.

Wenn ich aus meinem Zimmer im ersten Stock hinausschaute, sah ich nur Grün in allen Tönen. Um dieses Grün, mein Sommergrün, geht es in meinem Beitrag zur Blogparade „Die Farbe meiner Kindheit“.
Die Sommer meiner Kindheit waren anders als die, die ich später als Mutter erlebt habe. Wir waren draußen, den ganzen warmen Sommer über. Nach der Schule musste man sich nicht verabreden, man traf sich einfach auf der Straße.
Der Amselweg war eine Sackgasse, somit gab es keinen Durchgangsverkehr. Im Prinzip war im Sommer die ganze Straße mit Hüpfkästchen und Fahrbahnen zum Rollschuhlaufen bemalt. Hier fand alles statt, was man rückblickend den 80er Jahren zuschreibt: Gummihüpfen, „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ und Verstecken in all den kleinen Wegen und Höfen, die die Siedlung durchkreuzten.
Am späten Nachmittag, kurz bevor es Abendbrot gab, ging es durchs Haus nach hinten in den Garten. Abendbrot war damals wirklich noch ein Brot, im Sommer für mich meist ein Butterbrot mit Radieschen, Rettich oder Gurken dazu.

Oben auf der Terrasse machte ich einen kurzen Abstecher in die Hollywoodschaukel und beobachtete meinen Vater beim Blumengießen. Wir hatten ein schönes Spiel, denn um auf die zweite Gartenebene zu kommen, musste ich an ihm vorbeiflitzen, und ihm hat es immer sehr viel Spaß gemacht, mich nasszuspritzen. Die heißen Waschbetonplatten, über die der Weg hinunterführte, dampften vom Gießwasser.
Dort unten war nicht viel Platz, doch mein Papa hatte die Ebene für mich hergerichtet und eine Schaukel mit kleinem Klettergerüst aufgebaut. Diese Schaukel war für mich etwas Besonderes. Hier war es viel kühler, hohe Sträucher und ein Birnbaum gaben Schatten, und das Grün war so viel tiefer und geheimnisvoller als auf der sonnigen Rasenfläche oben.

Hier konnte ich stundenlang sitzen, mich in der Schaukel hin- und herdrehen oder in den Himmel fliegen. Manchmal habe ich es übertrieben, zum Glück ist mir nie etwas passiert. Und manchmal schaukelte ich einfach still vor mich hin und streifte mit den Füßen die Lebensbaumhecke.

Als Einzelkind hatte ich in der Nachbarschaft zwar viele Freunde, dennoch gab es Momente, in denen ich mich allein beschäftigt habe. Das hat mir nie etwas ausgemacht, ich hatte immer eine Idee, was ich machen könnte, oder manchmal eben auch keine, wenn ich einfach vor mich hinschaukelte.
Ich weiß nicht, wann sich diese Unbeschwertheit verliert, aber ich bin dankbar, dass ich sie in meiner Kindheit kennengelernt habe. Hier auf der Schaukel, im tiefen Grün, habe ich zum ersten Mal die Seele baumeln lassen.
Ganz unten, am Ende dieses Terrassengartens, war unser Obst- und Gemüseanbau. Dort standen der Birnbaum, der mit seiner breiten Krone Schatten über meine Schaukel warf, viele Johannisbeersträucher mit roten und weißen Beeren, Tomatenpflanzen und auch Stachelbeeren.

Der Platz war sehr eng, denn unten war direkt der Zaun mit einem kleinen Gartentürchen. Man konnte sich dort gerade so zum Gießen und Ernten aufhalten, und für mich war es als kleines Mädchen natürlich das Größte, mit ein paar Johannisbeeren in der Hand aufzubrechen. Denn hinter dem Gartentürchen fing sie an, die wilde Natur.
Unser Haus war das letzte, dessen Gartentürchen unten direkt auf den Schotterweg führte. Sobald man hinaustrat, konnte man nach rechts dem Weg entlang der Häuser folgen oder links in einen Pflaumen- und Apfelbaumhain hinabsteigen.
Der ganze Weg war von einer dichten, hohen Hecke umgeben, wilde Sträucher und Bäume wuchsen dort ungeplant vor sich hin. Man konnte sich verstecken und tolle Lager bauen, viele Vögel hatten dort ihre Nester, und es roch nach feuchter Erde und Sommergras.

Oft trafen wir uns einfach unten am Schotterweg und riefen von unten hinauf zu den Fenstern, ob jemand Zeit hatte. So einfach war das damals. Ich war oft barfuß unterwegs, und sobald das Türchen ins Schloss fiel, hatten wir das Gefühl von Freiheit und Abenteuer.

Im Licht der späten Nachmittagssonne brachen wir auf, liefen durch das hohe Gras unter den Bäumen bis zur weiten Wiese, wo unzählige Blumen wuchsen.
Wir Mädchen versuchten, aus Gänseblümchen Haarkränze zu machen, die immer sofort auseinanderfielen, oder pflückten kleine Sträuße. Meine Mama hat ganz viele dieser kleinen Sommersträuße bekommen, die standen dann in einer Vase auf dem Esszimmertisch.
Doch unser Hauptziel war der kleine Bach, der viele Hundert Meter unter den Wiesen verlief und an einer Stelle kurz ans Licht trat. Dort hatte man ein Brett zum Schutz montiert, das mit den Jahren immer morscher und brüchiger wurde. Dieses Brett hatte zwei große Scharniere, man konnte es zur Seite wegklappen. Mit vereinten Kräften bekamen wir das jedes Mal hin, denn darunter wartete ein Geheimnis.

Im Schatten unter Blättern und Grashalmen saßen riesige Kröten in der feuchten Erde, Erdkröten, wie ich heute weiß. Als Kind dachte ich immer, das wäre die Unke aus dem Räuber Hotzenplotz, und mir war etwas gruselig zumute, wenn mich die große Kröte anblinzelte. Mit einem Aufschrei klappten wir jedes Mal aufs Neue die Luke zu und rannten mit wehenden Haaren zurück über die Wiesen, den Hain hinauf zu unserem Schotterweg.
Atemlos verabschiedeten wir uns, und jeder ging durch sein Türchen hinein zum Abendbrot.

Ich ging hinauf zur Terrasse, vorbei am stolzen Birnbaum, an meiner Schaukel, an den Raupen, die behäbig in der Abendsonne an den Blättern nagten, als hätten sie alle Zeit der Welt. Mein Vater werkelte im Garten, meine Mutter hatte uns Brote gemacht, und das alles hat ausgereicht, um glücklich zu sein.
Das ist mein Sommergrün, ein Grün voller Dankbarkeit, ein Grün voller Erinnerungen an meine Kindheit, meine Freunde, meine Eltern. Ich bin reich beschenkt.
Zum Schluss:
Mein Thema findet einen leichten Zugang über eine Farberinnerung aus der Kindheit, doch dahinter steckt weit mehr. Wenn du dich den glücklichen Erinnerungen näherst, die sonst nur zufällig auftauchen, etwa in einem Gespräch über früher, kommt oft etwas zum Vorschein, womit du gar nicht gerechnet hast. Dass wir die Summe unserer Erfahrungen sind, ist klar. Doch in jedem von uns steckt auch eine kindliche Freude, die wir wie einen Schatz heben können. Vieles schlummert in den Ablagen unseres Gedächtnisses.
Oft denken wir nur an die Schatten und Schwierigkeiten, ihre Schubladen scheinen sich leichter zu öffnen. Dabei sind es die Glücksmomente, die kleinen Dinge, die unsere eigentlichen Ressourcen sind. Manchmal genügt eine Farbe, um diesen Schatz wieder zu heben. Er ist unser kleines Boot für stürmische Zeiten.
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